100 Jahre Bauhaus – Eine Spurensuche

Farben, Formen und Funktionen – Künste in unserem Alltag

Von oben bis unten wird das Gebäude in Dessau erkundet: In den spartanisch eingerichteten Studentenzimmern der Bauhaus-Schüler*innen entdecken Jugendliche der siebten bis neunten Klasse aus Leipzig in Wänden eingelassene Betten und Regale. Alles hier entspricht den Prinzipien des Bauhauses, der Hochschule für Gestaltung und Sinnbild der Klassischen Moderne. Im Projekt „100 Jahre Bauhaus – Eine Spurensuche“ erforschen die Schüler*innen aus Leipzig ihre direkte Lebensumwelt, experimentieren mit Material und Form, probieren sich aus.

Bauhaus in meinem Alltag

Maßgebend für den Bauhaus-Stil ist die Nützlichkeit von Alltagsgegenständen verbunden mit Designfragen. Stühle, Lampen, Geschirr – aber auch Räume und ganze Gebäude. Sie sollen den Menschen dienen – und nicht andersherum.

„Aus einer alten, kaputten Thermoskanne, die dort stand, haben zwei Mädchen mit Draht und Glasstücken ein Objekt gebaut. Es ist einfach toll, wenn die Schüler sich trauen einfach zu machen und zu probieren. Es gibt keine Vorgabe, was entstehen muss – das Ziel ist das freie Experimentieren mit verschiedenen Materialien und Alltagsgegenständen.“ Ute Eidson

Getreu dem Bauhaus-Motto: „Schön ist, was funktioniert“ machen sich die Jugendlichen in ihrem zu Hause, in der Schule, an ihrem Wohnort auf Spurensuche. Was hat mein Alltag mit Künsten zu tun? Wo kann ich sie überall sehen? Sie entdecken die Verbindung zu den geometrischen Formen Kreis, Dreieck, Viereck und den Farben Rot, Blau und Gelb, die den Bauhaus-Stil auszeichnen. Dass viele Alltagsobjekte, die wir heute nutzen, nach dem Bauhaus-Stil entwickelt worden sind, ist den Teilnehmer*innen oft gar nicht klar, berichtet Ute Eidson, Leiterin der Kinder- und Jugendkulturwerkstatt JOJO in Leipzig.

Nicht einfach nur ein Kunststil

Zusammen mit der Oberschule am Weißeplatz und dem GRASSI Museum für angewandte Kunst kooperiert die Kulturpädagogin im Projekt „100 Jahre Bauhaus – Eine Spurensuche“. Bauhaus ist nicht einfach ein Kunststil, es ist die Idee Handwerk und Künste zu verbinden und zwar so, dass sie für alle Menschen, unabhängig von Status und Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen nutzbar sind. Spielerisch werden den Jugendlichen in einem Monatsquiz und einem Memory-Spiel die Bauhaus-Künstler*innen und deren Projekte vorgestellt. Sie erhalten einen Überblick: Welche Bauhaus-Künstler*innen gibt es? Mit welchen Materialien haben sie gearbeitet? Holz, Papier, Glas, Metall und Stoff. Künstler*innen und Museumspädagog*innen arbeiten in Workshops mit den Teilnehmer*innen zu Typografie, Fotografie, Weben, Film und Sound, Glas und Keramik.

Alles ist möglich – nichts ist falsch

Am Anfang des Projekts hatte Ute Eidson die Sorge: Wie schaffen wir es, Jugendliche hier vor Ort in Stötteritz zu begeistern? Die Lebenssituation im Stadtteil prägt die Jugendlichen. Teilweise Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse in den Familien, manchmal auch Mobbing in Schule und Freizeit. Eine Sozialarbeiterin der Schule am Weißeplatz spricht mit den Jugendlichen und fragt nach, ob sie nicht Lust haben, am Projekt der Kinder- und Jugendkulturwerkstatt JOJO teilzunehmen.

Oft haben die Jugendlichen Angst etwas falsch zu machen, weil sie bisher wenig mit den Künsten zu tun hatten. Es mangelt ihnen an Selbstvertrauen und sie wollen daher ganz genaue Vorgaben haben. In der Arbeit mit den Jugendlichen ist es Ute Eidson deshalb wichtig, eine „Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen. Viele der Kinder sind sehr an der Kunst interessiert bzw. möchten sich gern mit dem Material auseinandersetzen. Wir haben tolle Künstler*innen im Projekt dabei, die es mit ihrer Persönlichkeit und ihren Fähigkeiten schaffen, die Jugendlichen für das Projekt zu begeistern.“ Kontinuität und gemeinsame Erlebnisse wie der Ausflug ins Bauhaus Dessau schaffen Vertrauen. Auch Zeit ist ein wichtiger Faktor. Sich Zeit nehmen. Die Jugendlichen öffnen sich dann und lassen sich auf das Thema Bauhaus und die Materialien ein. Ute Eidson und das Team um sie herum arbeiten nach dem positiven Ansatz „Alles ist möglich, nichts ist falsch!“.

(Kunst-)Handwerk als Berufung

Wichtig ist den Kooperationspartnern auch, dass das Projekt die Jugendlichen für Handwerke interessiert und sie so auch auf Berufsfelder aufmerksam macht: „Es geht nicht darum zu sagen, da ist ein Beruf, den ihr ergreifen könnt, sondern zu zeigen: hier haben wir einen Künstler, er hat auch eine Keramikwerkstatt, er fährt zu Märkten, verkauft seine Sachen – das ist ein Handwerk, was künstlerisch umgesetzt wird“, so Ute Eidson.

Spurensuche international

Und die Spurensuche geht noch weiter. Viele der Bauhaus-Schüler*innen haben international gearbeitet. Vor allem Gebäude, z. B. auch Wohnanlagen in Stadtvierteln, die vorrangig von Arbeiter*innen bewohnt wurden, sind in der Tschechischen Republik, in den USA, der Schweiz oder Israel nach Bauhaus-Prinzipien entstanden. In einem zusätzlichen Austauschprojekt können die Jugendlichen aus Leipzig noch weiter in Tel Aviv auf Spurensuche gehen.

„Ich möchte gerne Schüler aus dieser Projektgruppe involvieren und ihnen die Chance geben, für wenig Geld auch Bauhausspuren in Tel Aviv zu entdecken.“ Die Leiterin von der Jugendkulturwerkstatt aus Leipzig ist überzeugt, dass dies eine sehr bereichernde Erfahrung für die Jugendlichen wäre. Fremde Regionen, andere Lebenswelten können neue Inspirationsquellen für zukünftige kreative Schaffensprozesse sein.

Beginn: 27. Juni 2018
Förderzeitraum: bis 31. Dezember 2019
Fördersumme: 12.960,00 Euro

Bilder: Kinder- und Jugendkulturwerkstatt JOJO
Text: BKJ

Weitere Informationen

Kinder- und Jugendkulturwerkstatt JOJO, Leipzig
Oberschule am Weißeplatz, Leipzig
GRASSI Museum für angewandte Kunst