Die Geschichte der Arche Noah

Zwischen Bielefeld und Paderborn – da liegt Hövelriege. Ein Ort aus vier eher dörflichen Ortsteilen, sogenannten Streusiedlungen, mit je einem Fußballverein. Einer davon ist der Sport- und Jugendclub (SJC) Hövelriege e.V. Ungewöhnlich erscheint dies zunächst, wenn es doch um Kulturelle Bildung geht. Doch der SJC kann allemal mit einem Kulturzentrum mithalten. Zuletzt Preisträger des BKM-Preises Kulturelle Bildung 2013 und des Julius-Hirsch-Preises des Deutschen Fußballbundes (DFB) leistet der Verein ausgezeichnete „Kinderarbeit“, wie der soziokulturelle Bereich der Arbeit des Vereins genannt wird.

Vergleichbare Angebote in der Region gibt es nur wenige. Dazu zählt etwa das „Haus der offenen Tür“ fünf Kilometer entfernt vom Ortsteil Hövelriege mit seinen 830 Einwohnern. Eine Anbindung mit d20130903_Arche_Noah_Projekt_018_kleinem Öffentlichen Personennahverkehr ist zwar seit einigen Jahren gegeben, doch nur diejenigen, die bereits mit den Angeboten intensiv in Berührung gekommen sind, würden diesen Weg dafür in Kauf nehmen. Kulturelle Bildung ist vor Ort also sehr viel wert, wenn sie möglichst alle erreichen soll. Da setzt der SJC an. Die Hürde der Entfernung wird für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern, die sie bringen und abholen, genommen. Kinder aus anderen Ortsteilen werden sogar von Vereinsmitarbeitern des SJC abgeholt und gebracht.

Spielen sie gerne Fußball und kommen durch ihre Freunde zum SJC, lernen die Kinder bald auch die anderen Angebote kennen: Malwerkstatt, Theatergruppe, Erfahrungspark, die jährlich stattfindenden Jugendfahrten zu Gedenkstätten der SS-Massaker in Griechenland oder verschiedene themenspezifische Werkstätten, die von freischaffenden Künstlern/-innen und den Pädagogen/-innen des Vereins begleitet werden. Der Fußball muss aber nicht Ausgangspunkt sein: „Wir sind offen für alle. Es ist nicht notwendig, dass man Mitglied in unserem Verein oder in einer Fußballmannschaft ist. Die, die sagen, gut, dass da was los ist, die sollen zu uns kommen“, erläutert Norbert Schmale, Ansprechpartner für die Arbeit mit Kindern und Trainer im Verein.

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Das Projekt „Die Geschichte der Arche Noah“ ist eine themenspezifische Werkstatt, eine Geschichte, die von den Erfahrungen der Menschen berichtet. Die „Arche Noah“ und das, was zu ihrem Entstehen geführt hat, ist Dreh- und Angelpunkt der kreativ-künstlerischen „Kinderarbeit“ in den kommenden drei Jahren. Wirbelstürme, Feuersbrunst und Hochwasser sind die Naturkatastrophen, mit denen sich die sechs- bis zwölf-jährigen Kinder seit Projektbeginn im Juni 2013 auseinandergesetzt haben. Wie kommen Katastrophen zustande? Woran kann das Wetter eigentlich abgelesen werden? Die heimischen Kiefernzapfen, die je nach Wetterlage ihr Aussehen verändern, und die Satelliten, die von oben auf die Welt schauen und den modernen Wetterbericht möglich machen, waren gedankliche Grundlage für Bilder, Skulpturen, Theaterszenen, Lieder, Vorrichtungen und Exkursionen zur Überprüfung der aufgestellten Thesen und zur Bearbeitung der Geschichte. Das Dorfschulmuseum im Nachbarort Hövelhof-Riege als Bündnispartner sorgt für eine weitere, historische Perspektive auf die Arche Noah. In einer Schulstunde zur Arche Noah, die auch vor 100 Jahren hätte stattfinden können, erfuhren die Kinder wie die biblische Geschichte wohl damals inhaltlich vermittelt worden wäre und wie auch die räumlichen Bedingungen, ebenso der Umgang zwischen Lehrer/-innen und Schüler/-innen gewesen war. „Das erweitert ungemein den20130704_Arche_Noah_Projekt_1_klein Horizont. Das war imposant“, reflektiert Norbert Schmale diese neue Erfahrung für die Kinder und für sich. Ziel der Werkstatt ist es, die Kinder „in dieses Thema zu verwickeln“, wie es Norbert Schmale nennt. „Die Kinder sollen sich mit Umwelt auseinandersetzen können, sei es durch Sprache, Malen, Singen, Theater spielen, auf künstlerische Weise. Denn Kunst ist bearbeitete Natur, Umwelt gestalten.“

Auf ähnlich Art und Weise arbeitet der Verein schon seit 1973. Umgeben von anderen Fußballvereinen, mit der festen Überzeugung aus Fußball keinen Sport mit bezahlten Trainern und Spielern zu machen und mehr Wert auf die Erziehung zu legen, entstand der SJC. Willy Bretschneider, Mitbegründer des SJC, war Professor an der Fachhochschule für Sozialwesen in Bielefeld. Als Erziehungswissenschaftler hat er sich beruflich mit Lehren und Lernen auseinandergesetzt. „Sein“ Verein war zugleich Erprobungs- und Praxisfeld für ihn und seine Studenten/-innen, wodurch die „Kinderarbeit“ im SJC entstand. Neu durch die Beteiligung am Programm „Künste öffnen Welten“ ist allerdings die Bündnisbildung. „Die Förderung ist ein neuer Anreiz und auch eine neue Art, da wir jetzt eine Kooperation mit der Furlbachschule und dem Museum haben“, erklärt Norbert Schmale. Der SJC erfährt durch das Programm und die Kooperationen, die Voraussetzung für die Förderung sind, mehr Öffentlichkeit. „Das ist das Entscheidende für uns. Es kommen mehr Kinder ohne Fußballhintergrund zu uns. Der Verein wird noch bekannter für seine Kinderarbeit.“ Die Lehrer/-innen weisen gesondert auf das Projekt hin und sprechen gezielt lernschwächere Kinder an. Einen Ausblick, das dies mit dem Projekt nicht enden wird, gibt Norbert Schmale „Die Zusammenarbeit bleibt sicherlich bestehen. Das ist ein Glücksfall für die Schule und für uns. Wir sind ja direkt gegenüber.“ Zum Bündnis gehört auch das Jugendwohnheim Hövelriege, in welchem Norbert Schmale selbst beruflich tätig ist: „Von hier kommen auch ca. 15 Kinder zu uns, die einen besonderen Förderbedarf haben.“

Neu ist auch, dass Künstler/-innen einbezogen werden. „Damit bekommen wir eine andere Qualität, es ist intensiver“, kann Norbert Schmale berichten, denn die Künstler/-innen können besondere technische Hilfestellungen geben, sie leiten an und bringen ein anderes Niveau in die künstlerische Auseinandersetzung ein. „Die Kinder wissen, dass es Künstler sind und das macht auch einen Unterschied für sie.“

Die Nähe der Institutionen zueinander und deren Zusammenarbeit, die vielfältigen Angebote für alle Kinder und Jugendlichen und die 20130903_Arche_Noah_Projekt_7_kleinEngagementmöglichkeiten für deren Eltern sowie das Einbeziehen von Künstlern/-innen scheinen in diesem Projekt die Zutaten für ein erfolgreich umgesetztes und wertgeschätztes Angebot Kultureller Bildung zu sein und das Zusammenwachsen der Menschen, die in Hövelriege leben, zu befördern.

 

Beginn: 27. Mai 2013
Förderzeitraum: bis 10. Februar 2016
Fördersumme: 35.970 Euro

Bilder: Sport- und Jugendclub Hövelriege e.V.