Die Kunst des Fliegens – Von Höhenflügen und Bruchlandungen später und früher Vögel

Weimar-West, in den 1970er Jahren als Plattenbausiedlung errichtet, hat wenig gemein mit der Kulturstadt Weimar, die mit Goethe und Schiller, der Bauhaus-Universität und klassizistischen Prachtbauten jährlich zahlreiche BI_2013_kunst_des_fliegens_weimar_Susanne_Heine_(15)_webTouristen entzückt. Genau hier arbeiten 20 Kinder, 20 Jugendliche und zehn „Alte“, wie die Senioren/-innen respektvoll vom Projektleiter Werner Brunngräber genannt werden, gemeinsam an der „Kunst des Fliegens“.

Das Verständnis vom Fliegen im Sinne der Luftfahrt zum Beispiel oder auch der Flügelschlag von Schmetterlingen sind Ansatzpunkte, doch vielmehr geht es darum, wie der Lebensweg gemeistert wird. Im Austausch miteinander nähern sich die Teilnehmer/-innen zeichnend und in Forschungstagebücher schreibend, in Geschichten und mit abenteuerlichen Flugobjekten diesem großen Thema. „Übertragen auf unser Projekt – da wir de facto mit drei Generationen beteiligt sind – heißt das: Die Vision von der Kunst des Fliegens der ganz Kleinen und der Jungen, die in Beziehung gesetzt wird zu den Erinnerungen, den Rückblicken der Alten auf ihr Leben. Damit dies gelingt übernimmt jeder für eine Person aus einer anderen Generation eine Patenschaft. So wachsen die Generationen zusammen, Dialogpartner zum Austausch werden schnell gefunden.BI_2013_kunst_des_fliegens_weimar_Susanne_Heine_(3)_web

Die „Jungen“ besuchen alle die zehnte Klasse des Goethegymnasiums. Sie sind „aus der Stadt“. Und nicht aus Weimar-West, das in der öffentlichen Wahrnehmung „das Viertel der Armen und Alten, der Migranten und derer, die es sich nicht leisten können in der Stadt zu wohnen“ sei, so Werner Brunngräber. Dass das Projekt gerade diese Schüler/-innen einbezieht, ist natürlich Methode: „Wir wollen den Rand mit der Mitte verbinden.“ Dies scheint zu gelingen, denn das Interesse ist größer als gedacht. Werner Brunngräber begründet das so: „Sie alle sind kulturellkünstlerisch sehr interessierte, aufgeweckte Menschen. Das ist der Magnet!“ Jeden Dienstag sind die Schüler/-innen für das Projekt freigestellt. Das gehört zum Bildungskonzept der Schule, die häufig mit außerschulischen Partnern kooperiert, um sich in der Stadt zu verorten.

Die 5 bis 6-jährigen Kinder der Kita waren gleichermaßen begeistert. Die Eltern, die, wie Werner Brunngräber einschätzt, „eher zu den klassisch-bildungsfernen Schichten gehören“, haben auch schnell zugestimmt, obwohl sie ihre Kinder für die Projektdauer von immerhin einem Jahr zu Zusatzterminen ins Mehrgenerationenhaus und zu Probeorten bringen und von dort wieder abholen müssen.

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In der Kita finden vor allem die gestalterischkünstlerischen Phasen statt, während das Mehrgenerationenhaus mehr Platz bietet um musikalisch und theatral zu arbeiten. Dies ist auch der Ort, aus dessen Umfeld die Senioren/-innen als Teilnehmer-/innen gewonnen wurden, u.a. vier Damen aus dem Seniorenchor. Ein Ehepaar, welches auf dem Land wohnt, eine ehemalige Ärztin aus Berlin und zwei Ältere tschechischer Herkunft haben sich aufgrund der Ausschreibung in der Tagespresse gemeldet.

Indem sich die drei Generationen miteinander auseinandersetzen, entsteht ein Berg an Material: „Träume vom biografischen Fliegen und entstandene Bruchlandungen“, so Werner Brunngräber. Dies wird zunächst spielerisch erprobt – szenisch, musikalisch, tänzerisch. Später wird das Gesammelte redaktionell bearbeitet und in einem Bühnenstück im Sommer 2014 präsentiert. BI_2013_kunst_des_fliegens_weimar_Susanne_Heine_(7)_klein Eine begleitende Ausstellung wird die Menschen dahinter vorstellen. Zusätzlich dokumentiert ein bebildertes Audiofeature den gesamten Prozess dieses Jahres.

Jeder Projekttag, jede einzelne Probe wird gemeinsam durch die Projektleiter Alexander Ernst (Schauplatz am Dom e. V., Erfurt), Susanne Thiele (Leiterin des Fachs Darstellendes Spiel am Goethegymnasium Weimar) und Werner Brunngräber (Schauplatz am Dom e. V., Erfurt) vorbereitet. Zusätzlich gehören die Leiterin des Mehrgenerationenhauses Weimar-West, Anne-Kathrin Lange, zwei weitere Lehrerinnen des Goethegymnasiums sowie zwei Erzieherinnen der Kita „Kinderland“ zum Projektteam. Sie alle sind Bündnispartner bei „Kunst des Fliegens“.

Beginn: 24. Juni 2013
Förderzeitraum: 1 Jahr
Fördersumme: 14.990 Euro

Bilder: Schauplatz am Dom e. V.; Fotografin: Susanne Heine