Gerade jetzt in der Krise: „Wir wollen Kindern eine Stimme geben“

Die Kinderreporter im TIDE-Studio (c) Dorothee Kodra

Wenn Projekte Kultureller Bildung stillstehen: Was machen Kinder und Jugendliche dann? Gerade in dieser Zeit weiterzumachen und alternative Wege für die Kinderreporter zu finden, steht für die Hamburger Radiofüchse an erster Stelle.

Meine Themen sichtbar machen

Die Kinder sagen, wo es langgeht. Sie entdecken und erforschen ihre Umwelt und Grenzen, geografisch und auch auf persönlicher Ebene. Sie erarbeiten sich mit journalistischen Werkzeugen Themen wie Klimaschutz und das aktuelle Weltgeschehen. „Wenn die Kinder zu uns ins Projekt kommen und sagen, wir möchten das Thema Klima bearbeiten, überlegen wir gemeinsam, welchen Klimawissenschaftler sie kennen. Sie nennen einen Namen oder wir recherchieren gemeinsam und ich sage: Wir rufen ihn an! Dann sind die Kinder erstmal überrascht – einfach so anrufen! Ja klar, ihr seid jetzt Reporter und Reporterinnen. Einige von ihnen trauen sich dann selbst anzurufen oder wir machen das erstmal zusammen“, so die Projektleiterin Andrea Sievers vom SME Verein für stadtteilbezogene milieunahe Erziehungshilfen e.V.

Wie stelle ich gute Fragen? Wie mache ich einen guten Bericht, sodass es Spaß macht, ihn zu lesen oder anzuhören? Wie gehe ich mit Quellen um? Die sieben bis 14-jährigen „Kinderreporter ohne Grenzen“ aus der Schule und dem Hort der Grundschule Thadenstrasse, mit der SME schon seit vielen Jahren kooperiert, machen, soweit es geht, alles selbst: Sie recherchieren, rufen Personen an, die sie gerne befragen möchten oder gehen einfach raus und sprechen die Leute auf der Straße an. Und das geht – etwas abgewandelt – auch in Zeiten von Kontaktverbot und Social Distancing.

Neue Wege erkunden

Die Ankündigung der Corona-Specials (c) Radiofüchse

Drei regelmäßige Gruppen von etwa zwölf Kindern sollten sich wöchentlich im „Haus der Familie“ treffen, eine Einrichtung des Trägers SME Verein für stadtteilbezogene milieunahe Erziehungshilfen e. V. im Hamburger Stadtteil St. Pauli. So der Plan. Mit der aktuellen Kontaktbeschränkung und den behördlichen Verordnungen muss das ganze neu gedacht werden. Wöchentlicher Videochat statt Gruppenarbeit im „Haus der Familie“. Zwar lässt sich so vieles aus der Ferne technisch umsetzen, aber Radiobeiträge, Hörspiele oder Trickfilme mit Kindern zu produzieren, wie geplant, ist zu aufwendig und schlichtweg ohne die direkte Begleitung und Technik vor Ort nicht machbar. Daher hat das Team von „Kinderreporter ohne Grenzen“ überlegt, was sich leicht und mit schnell vorzeigbaren Ergebnissen mit den Kindern gestalten lässt: kurze Beiträge sind es, die auf der Website des Projekts hochgeladen werden.

Statt im Aufnahmeraum des Community-Kanals TIDE nehmen die Kinderreporter ihre Beiträge jetzt zu Hause auf. Andrea Sievers fährt persönlich mit dem Fahrrad zu den Kindern und bringt ihnen Aufnahmegeräte, Tablets oder andere Materialien, die ihnen helfen ihre Beiträge umzusetzen. Jetzt ist sie nicht mehr nur zu festen Zeiten ein- bis zweimal die Woche da, sondern fortwährend über ihr Handy für die Kinder erreichbar, wo sie alle ihre Fragen beantwortet und sie, so gut es geht, unterstützt. Das alles funktioniert aber nur, weil das Projekt schon vor Kontaktverbot, Shutdown und Corona das wichtigste für die kulturelle Bildungspraxis aufgebaut hat − nämlich Vertrauen zwischen den Kindern und den Projektmitarbeiter*innen. „Das ist total wichtig, dieser face-to-face-Kontakt. Kinder kommen nur in Projekte und Gruppen oder machen überhaupt Interaktion, wenn sie sich wohlfühlen und wenn sie den Erwachsenen vertrauen“, so die Medienpädagogin. Die Fähigkeiten mit dem technischen Equipment umzugehen, haben die Kinderreporter noch live vor Ort lernen können.

„Warum wir jetzt in dieser Corona-Zeit weitermachen: Wir waren erst alle in so einer Schockstarre. Ich glaube, wie alle Projekte im Moment, die im Kinderkulturbereich oder im kreativen Bereich mit Kindern arbeiten. Und dann hat meine Kollegin Sarah Reinhardt zu mir gesagt: Andrea, wir sind doch Medienpädagogen. Wir müssen das doch jetzt irgendwie umsetzen.“

Andrea Sievers, Projektleitung „Kinderreporter ohne Grenzen“

Soziale Bindung ermöglichen

Die Kinderreporter im Videochat (c) Radiofüchse

Allein an ihren Computern zu Hause brauchen die Kinder allerdings viel Eigenantrieb, um selbst zu recherchieren und an ihren Beiträgen zu arbeiten. Freund*innen und Familie sind wahnsinnig wichtig, damit sie sich beratschlagen können. Gerade in der jetzigen Situation sind Kinder verunsichert: Sie besuchen nicht ihre Schule und haben kaum Kontakt zu ihren Freund*innen, die Situation zu Hause ist ebenfalls ungewohnt oder fühlt sich sogar unsicher an, wenn Eltern mit Existenzängsten aufgrund von Kurzarbeit oder Insolvenzen beschäftigt sind. Kinder und Jugendliche müssen sich, um ihre zentralen Entwicklungsaufgaben und den Einschnitt in ihre Lebenssituation bewältigen zu können, informieren, austauschen und auch ihre Situation und ihre Meinung mitteilen können. Mit den Kinderreporter-Gruppen schaffen Andrea Sievers und ihr Team solche wichtigen Räume für die Kinder. Insbesondere wenn diese Gruppen schon länger laufen, nehmen sie eine ganz wichtige soziale Funktion für die Kinder ein. Sie wollen sich weiterhin sehen und der Videochat und die gemeinsame Arbeit an Beiträgen – trotz der Ferne – ist für sie das Bindeglied. Viel passiert zwar jetzt nach dem Motto „Versuch und Irrtum“, im Videochat oder in der Telefonkonferenz reden erst einmal alle durcheinander oder sind nicht pünktlich da. Aber trotzdem sind alle mit viel Spaß und Engagement dabei. Aber man kann solche Projekte Kultureller Bildung mit Kindern und Jugendlichen nicht dauerhaft auf eine Videokonferenz umstellen.

Niemand kann sagen, wie lange die Kinder in diesem Modus sind und es stellen sich die Fragen: „Wie geht es weiter? Wie wollen die Kinder nach Corona weiterarbeiten? Machen sie weiter wie bisher? Was würden sie verändern wollen, aufgrund der Erfahrungen, die sie gemacht haben? Wieviel Energie hat das Team? Alles, was jetzt neu und interessant ist, kann auf Dauer unzufriedenstellend sein. Die Kinder vermissen den persönlichen Kontakt, weil sie am liebsten auch in kleinen Teams zusammenarbeiten.

„Jetzt merkt man, dass die Kinder ein großes Bedürfnis haben, sich dazu zu äußern. Deshalb finde ich wichtig, dass es weitergeht. Aber unsere Projekte lassen sich nicht einfach auf Videokonferenzen runterbrechen. Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen, das ist schwierig. Wer weiß, vielleicht, wachse auch ich über meine Grenzen hinaus und wir versuchen es.“

Andrea Sievers, Projektleitung „Kinderreporter ohne Grenzen“

„Es ist ein Spagat zwischen Enthusiasmus und Verunsicherung“, was das Team und vermutlich auch die Kinder erleben. Das Team versucht daher möglichst flexibel auf die Situationen und Herausforderungen zu reagieren, auch einmal Abstriche in der Professionalität eines Beitrags zu machen und auch einmal zu improvisieren.

Kindern eine Stimme geben

Die Kinderreporter auf dem Weg zum Hamburger Containerhafen (c) Sarah Reinhardt

Wichtig ist jetzt, dass die Kinder etwas gemeinsam miteinander machen können, dass sie aus ihrer Sicht Themen, die sie bewegen, aufgreifen und in der Öffentlichkeit präsentieren und sich damit auseinandersetzen können. Und dafür eignen sich digitale Werkzeuge sehr gut. „Das Ziel des Projektes ist es, Kinder medienkompetent zu machen, aber das passiert eigentlich nebenbei. Das ist nur das Werkzeug, was wir nutzen. Was viel wichtiger an unserer Arbeit ist: Wir wollen Kindern eine Stimme geben in der Öffentlichkeit, dass sie teilnehmen an öffentlicher Meinungsbildung und an öffentlichen Debatten, also partizipieren“, so die Medienpädagogin Andrea Sievers.

Auch außerhalb des Projekts auf der Plattform radiofuechse.de können Kinder und Jugendliche „mitreden“: Sie können anonym ihre Gedanken und Erfahrungen teilen und das Team moderiert die Kommentare. Zu der Frage, wie es ihnen während der Corona-Zeit geht, gibt es viele Antworten von Kindern, denen es nicht gut geht, die sich langweilen, Angst haben, die die Situation aggressiv macht. „Es ist wichtig, dass das Projekt jetzt weiterläuft, weil das Thema Corona die Kinder sehr beschäftigt und weil ich finde, dass sie wenig Kanäle und Möglichkeiten haben, aus ihrer Sicht auf das Thema zu blicken und sich auch öffentlich damit auseinanderzusetzen“ findet die Projektleitung Andrea Sievers. Bei Kinderreporter ohne Grenzen funktioniert es. Die Erfahrung von Andrea Sievers zeigt, dass die Kinder im Projekt ein Selbstverständnis dafür entwickeln, dass ihre Stimme richtig ist und ihre Stimme auch gehört werden kann.

Auch, wenn es für die teilnehmenden Kinder wichtig ist, dass das Projekt über Videochat und Co. weiterläuft, so weiß Andrea Sievers, dass damit längst nicht alle Kinder erreicht werden können. Zu denjenigen, die bereits zu Beginn des Projekts unregelmäßig teilgenommen haben, besteht kaum bis kein Kontakt. Vor allem die jüngeren Teilnehmer*innen sind außen vor. Da sie oftmals kein Handy und keine E-Mail-Adresse oder Zugang dazu haben, gibt es keine Möglichkeit sie zu kontaktieren. Eine Vermutung, die sich für Andrea Sievers nur zum Teil bestätigt, ist, dass Kinder, die im Alltag nur wenig unterstützt werden können oder kaum Zugangsmöglichkeiten zu Technik und Internet haben, nicht mehr am Projekt teilnehmen. Stattdessen gab es auch Fälle, wo Kinder sich eigenständig bei ihr gemeldet haben und sie baten: „Ich habe Zeit, ich habe Lust was zu machen. Kannst du mir helfen?“ Für sie ist es besonders wichtig, dass die Medienpädagog*innen gut erreichbar sind, um zu motivieren, zu unterstützen und eben auch gemeinsam Spaß zu haben.

Über das Projekt

Die Kinderreporter beim Spielplatztest (c) Florian Jacobsen

Seit 2015 wird das Projekt „Kinderreporter ohne Grenzen“ im BKJ-Förderprogramm „Künste öffnen Welten“ im Rahmen von „Kultur macht stark“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Über SME Verein für stadtteilbezogene milieunahe Erziehungshilfen e. V. ist Andrea Sievers als freiberufliche Medienpädagogin und Projektleiterin tätig und bietet im „Haus der Familie“ im Stadtteil St. Pauli verschiedene medienpädagogische Projekte an. Der Hamburger Community-Kanal TIDE stellt dem Projekt Studio und Infrastruktur zur Verfügung. Durch die räumliche Nähe fanden schon öfter Kooperationen zwischen der Schule und dem Hort der Grundschule Thadenstraße mit dem „Haus der Familie“ statt. Viele Kinder kommen in ihrer Freizeit nachmittags nach der Schule ins „Haus der Familie“ und lassen sich über Schnupperangebote begeistern.

Beginn: 19. März 2018
Förderzeitraum: bis 30. Juni 2022
Fördersumme: 113.736,00 Euro

Bilder: Radiofüchse, Florian Jacobsen, Dorothee Kodra, Sarah Reinhardt und Andrea Sievers
Text: BKJ

SME Verein für stadtteilbezogene milieunahe Erziehungshilfen e.V.
TIDE – immer anders! Hamburgs Bürgersender und Ausbildungskanal
Schule und der Hort der Grundschule Thadenstraße

Projektwebseite: www.radiofuechse.de