Go und Kalligraphie

Das Ergebnis ist zweitrangig, es geht um die Handlung

Auf dem Tisch liegt ein Spielbrett mit weißen und schwarzen Steinen auf einem Liniennetz. Die Steine befinden sich nicht wie bei anderen Spielen innerhalb des Rechtecks, sondern auf den Linien.

Das Go-Spiel, das ursprünglich aus Ostasien kommt und als eine der vier Künste des klassischen China bezeichnet wird, ist hochkomplex und erfordert besondere Konzentration. „Es freut mich, dass Kinder, die sonst ein ganz schwieriges Sozialverhalten haben, plötzlich zum Jugendtreff gehen, Go spielen und dadurch richtig runter kommen“, erzählt Karl-Hans Balduin, der das Projekt „Go und Kalligraphie – Begegnungen der asiatischen Art“ leitet. „So ein Spiel fordert sie auf einer anderen Ebene: nicht körperlich, sondern geistig. Sie merken, dass geistiger Wettstreit eine andere Qualität hat“. Ziel ist es, mit den Spielsteinen mehr Gebiet zu umschließen als der Gegner. Da Spielsteine aber auch gefangen werden können, müssen durch geschicktes Spiel Angriff und Verteidigung in Balance gehalten werden.

In Berlin-Kreuzberg an der Rosa-Parks- und der Fichtelgebirge-Grundschule kannten die Schüler und Schülerinnen das Go-Spiel bis vor eineinhalb Jahren kaum. Umso besser sei es, findet Karl-Hans Balduin, dass er drei bis vier Wochen Zeit hatte, um allen Klassen das Go-Spiel zu erläutern und sie zu dem Nachmittagsangebot im Jugendtreff OJA Martha einzuladen.

Karl-Hans Balduin ist schon seit Jahren immer mal wieder ehrenamtlich im Jugendtreff und hat im Förderprogramm „Künste öffnen Welten“ die Möglichkeit gesehen ein regelmäßiges Angebot der Kulturellen Bildung zu schaffen. Das gab es bisher noch nicht. Die Kinder bekommen über die künstlerische Praxis des Go-Spiels und der Kalligraphie einen intensiven Einblick in die asiatische Kultur und durch die Kooperation mit den beiden Grundschulen werden auch jüngere  Kinder erreicht, die bisher nicht Zielgruppe des Jugendtreffs waren. „Wir wollten die Kinder für Ostasien, das Go-Spiel und die Kalligraphie begeistern und sie mal aus ihrer Schule, aus ihrem Kiez rauslocken, um was Neues in der Nachbarschaft zu erleben“, so Karl-Hans Balduin.

Nach der Einführung in das Go-Spiel an den Schulen, für die der Go-Verband Berlin e. V., einer der Bündnispartner, das Material zur Verfügung stellt, können die Kinder im Jugendtreff an drei Nachmittagen in der Woche das Go-Spiel üben, kleine Turniere bestreiten, aber auch einen Einblick in die Kalligraphie gewinnen. Es wird dort für sie ein Raum geschaffen, in dem sie sich in Ruhe dem gemeinsamen Spielen und Schreiben widmen können. Eine japanische Kalligraphin zeigt den Kindern, wie sie den Pinsel richtig halten und welche Strich-Reihenfolge eingehalten werden sollte. Sie benutzen ein spezielles asiatisches Papier, auf dem man mit Wasser schreiben kann, das nach einer gewissen Zeit wieder verdunstet. 20 Platten, bezogen mit diesem Papier, wurden extra hergestellt, damit die Kinder erst einmal üben können, bevor sie mit richtiger Tinte oder mit Tusche auf Papier malen.

Gemeinsamkeiten im Go-Spiel und der Kalligraphie findet man, neben der asiatischen Herkunft, auch darin, dass es nicht so sehr um das Ergebnis, sondern vielmehr um die Handlung an sich geht. „Ob man die Partie gewinnt oder nicht, ob die fertige Kalligraphie unserer Vorstellung entspricht oder nicht, ist zweitrangig“, erklärt Karl-Hans Balduin. „Das Streben danach ist zwar der Motor dieser Künste, im Zentrum steht jedoch, dass wir unser Vorgehen und unser Können verbessern: durch Aufmerksamkeit, Gemütsruhe, Umsicht und beständige Übung.“ Außerdem ist natürlich Kreativität gefragt. „Man kann den Kindern Formen oder Aufgaben geben, aber jede Partie ist so einzigartig, dass sie da selber klar kommen müssen, mit den Erfahrungen, die sie durch Übungen oder aus anderen Partien gelernt haben“, führt Karl-Hans Balduin fort.

Die Kinder sind von diesem Angebot begeistert. Einige bringen ihre Eltern oder Großeltern mit, um denen das Go-Spiel zu zeigen oder zusammen zu zeichnen. Und auch die älteren Jugendlichen, die den Jugendtreff besuchen und die Kinder dort spielen sehen, zeigen großes Interesse.

Neben dem beruhigenden und inspirierenden Effekt, den das Go-Spiel und auch die Kalligraphie auf die Kinder haben, registrieren die Mitarbeiter/-innen im Jugendtreff OJA Martha und die beiden Schulen ganz konkrete Entwicklungen, wenn die Kinder erzählen, dass ihnen in der Schule Mathe auf einmal leichter fällt. „Wenn ein spielerischer Moment dazu führt, dass die Kinder logisch anders denken, ist das wunderbar“, erzählt Gabriele C. Kania, Leiterin der Offenen Jugendarbeit im Jugendtreff. In den kommenden Monaten ist geplant das Angebot im Jugendtreff um einzelne Ausflüge, unter anderem ins Chinesische Kulturzentrum und das Ethnologische Museum, zu erweitern.

 

Beginn: 06. April 2015
Förderzeitraum: bis 10. August 2017
Fördersumme: 35.500,00 €

Bilder: Go-Verband Berlin e. V.