Perspektivwechsel Bauhaus. Spurensuche im Quartier

Ein neues Miteinander in einer Kunst-Handwerk-Gemeinschaft schaffen sich die Kinder und Jugendlichen am Brunnenplatz in der Bochumer Hustadt, gemeinsam mit der örtlichen Jugendkunstschule, dem soziokulturellen Zentrum und der ortsansässigen Hufeland-Grundschule.

Im Projekt „Wo finden wir Spuren der Bauhaus-Philosophie im Quartier?“ erforschen die zehn- bis 18-Jährigen ihr Umfeld und erfahren, was hinter der Gestaltung durch Farbe, Formen und Raumaufteilung steckt, was das 100-jährige Bauhaus und seine Philosophie damit zu tun hat und was ihre Lebenswelt.

Gemeinsam leben und arbeiten – damals, heute, morgen

Bauhaus-Dozent*innen und -Student*innen lebten und arbeiteten gemeinsam auf engem Raum. In diesem Kontext fanden die Schule der Künste/Jugendkunstschule des Kulturgut e. V., die Hufelandschule und die Begegnungsstätte HUKultur des Fördervereins Hustadt e. V. den im Sozialraum Bochum-Querenburg gelegenen Brunnenplatz, der die Philosophie des Bauhauses widerspiegelte. Fündig wurden sie im eigenen Quartier, der Inneren Hustadt: 1962 wurde hier die Ruhr-Universität gegründet, infolge dessen auf der anderen Straßenseite ein neues Viertel entstanden ist, in dem Dozent*innen und Student*innen in Wohneinheiten zusammengelebt haben. Heute leben in diesen Wohnblöcken, Bauten typischer Betonarchitektur der 60er Jahre, Student*innen, Geflüchtete, transferleistungsberechtigte Personen und einkommensschwache Familien.

„Für uns war es wichtig diesen Aspekt des Bauhauses – gemeinsam leben und arbeiten – zu vermitteln, weil es hier auch eine Form von Zukunft darstellt. In der Vergangenheit haben die Menschen auf engem Raum zusammengelebt und gearbeitet. Heute leben sie in einer Stadt und arbeiten in einer anderen. Was wir im Projekt zeigen, ist, dass sie an einem Ort bleiben können und sich beides vereinen lässt.“

Andreas Felix Kroll, Schule der Künste/Jugendkunstschule des Kulturgut e. V.

Mit den Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Familien im Quartier leben, wollten die Kooperationspartner die Lebenswelt aus einem künstlerischen Blickwinkel betrachten und gestalterisch tätig werden. Da Kunst und Kultur bei vielen Kindern im Viertel kein Thema sind, fand Andreas Felix Kroll von der Schule der Künste einen anderen Ansatzpunkt, um die jungen Bewohner*innen auf das Projekt aufmerksam zu machen. Und auch das in Anlehnung an das Bauhaus: Beim gemeinsamen Mittagessen während der Projekttage konnten sich alle kennenlernen und austauschen.

„Ein zentraler Aspekt den der Gründer des Bauhauses Walter Gropius eingeführt hat, war das gemeinsame Essen bei der Arbeit. Die Problematik lag in der damaligen Zeit darin, dass die Studenten durch Mangelernährung nicht in der Lage waren, handwerklich-künstlerisch zu arbeiten. Bei uns geht es zwar nicht um Mangelernährung, aber wir haben das gemeinsame Mittagessen für unser Projekt übernommen, sodass die Kinder und Jugendlichen gut gestärkt ihren kreativen Schaffensprozessen in den Werkstätten nachgehen können.“

Andreas Felix Kroll, Schule der Künste/Jugendkunstschule des Kulturgut e. V.

Von der Theorie zur Kunst, zum Handwerk

Statt im Hörsaal wurde im Bauhaus in Werkstätten gelehrt, geforscht und gestaltet. So hielten es auch die Kinder und Jugendlichen am Brunnenplatz: An insgesamt sieben Samstagen probierten sie sich in Werkstätten an handwerklichen, bildnerischen und darstellerischen Techniken aus. In der Theaterwerkstatt arbeiteten sie an Gestik, Tanz und kreativem Schreiben. In der Bühnenwerkstatt nutzten sie nachhaltige Materialien und haben sich künstlerisch-handwerklich ausgetobt, um am Ende eine Kulisse für das Theaterstück zu gestalten. Die Upcycling-Werkstatt gab bereits genutzten Textilien neue Funktionen. Plakate und Einladungen für die Theateraufführung zu gestalten hat die Druckwerkstatt übernommen. In der Film- und Ton-Werkstatt wurden die Kinder und Jugendlichen zu Reporter*innen, die Menschen aus der Hustadt zum Thema Bauhaus interviewten und die Aufführung dokumentierten.
Alle Arbeiten führten zu einem großen Ganzen. Das jährlich stattfindende Hustadtfest wurde kurzerhand zum Experimentier- und Probenort, wo die Kinder und Jugendlichen ihre Zwischenergebnisse den interessierten Festbesucher*innen vorstellten. Zwei Wochen später präsentierten die Kinder und Jugendlichen auf der Abschlussveranstaltung dem Bezirksbürgermeister, Elternvertreter*innen und Hustadtbewohner*innen ihre Werke, an denen sie in den sieben Wochen so intensiv gearbeitet hatten. Krönender Abschluss ihrer Arbeit: die Theateraufführung. Die drei verfeindeten Königreiche Gelb-, Blau- und Rot-Land versuchten ihren Konflikt zu überwinden, um zurück zum Regenbogen zu finden. Die Harmonie aus den drei Farben und ihren Formen Kreis, Dreieck und Quadrat ebnete am Ende den Weg zum Regenbogen.

Kunst und Kultur im Quartier für alle

Angedacht waren ursprünglich sieben Projekttage zu je sechs Stunden an sieben aufeinanderfolgenden Samstagen, mit 60 Teilnehmer*innen. Am ersten Projekttag kamen erst einmal nur 30 Jugendliche. Viele Kinder hatten zur gleichen Zeit Unterricht in der Moschee. Als die Projektverantwortlichen das herausfanden, wurden die Werkstätten kurzerhand um zwei Stunden nach hinten verschoben. Das nächste Mal waren dann schon 60 Kinder und Jugendliche dabei und es wurden stetig mehr. Also wieder neu denken: Wie können wir diese Nachfrage bewältigen? Wie genug Raum in den Werkstätten zur Verfügung stellen, damit auch wirklich alle mitmachen können? Die Werkstätten fanden zum großen Teil in Räumen der HUKultur statt. Bei gutem Wetter verlagerten sich die Werkstätten auch schon mal in den öffentlichen Raum. Also wurde auch am Brunnenplatz gewerkelt, gestaltet, geprobt und gemeinsam an einem Ergebnis gearbeitet. Die Arbeit im öffentlichen Raum zog nach und nach noch mehr Teilnehmer*innen an, sodass letztlich dem Gefühl nach das ganze Quartier beteiligt gewesen war.

Die Bauhaus-Philosophie und der Sozialraum der Kinder und Jugendlichen in der Hustadt sind so im Projekt verschmolzen. Und auch die verschiedenen Altersgruppen kamen zusammen, ob beim gemeinsamen Mittagessen oder in den Werkstätten, in denen sich zum Teil auch viele Eltern mit ihren Erfahrungen und Fähigkeiten engagiert haben. Die künstlerisch-kreative Arbeit hat die Bewohner*innen zu einem gemeinsamen Tun zusammengebracht, worin die Gemeinschaft in ihrer Vielfalt sichtbar wurde.

Ein Rad greift ins andere − Zusammenarbeit gestalten

Die Kooperation der Jugendkunstschule, Hufelandschule und HUKultur ist kein neuer Zusammenschluss. Man kennt sich. Aus vorhergehender erfolgreicher Zusammenarbeit, war klar: Das passt gut zusammen! Als die Idee aufkam, zum 100jährigen Bauhaus-Jubiläum vor Ort auf Spurensuche zu gehen, waren die Kooperationspartner sofort mit an Bord.
Die HUKultur ist eine offene Einrichtung, wo alle hinkommen können, im Herzen der Inneren Hustadt und Anlaufstelle für Sorgen und Probleme. Lokal verortet hat sie einen guten Einblick in den Sozialraum der Teilnehmer*innen, konnte mögliche Teilnehmer*innen und ihre Familien ansprechen, hat die Räumlichkeiten gestellt und bei der Organisation vor Ort unterstützt. Die Hufelandschule hatte im Vorfeld der Projekttage einen Zukunftsworkshop in der Schule organisiert: 20 Schüler*innen der dritten und vierten Klassen waren dann auch mit von der Partie. Mit der Liebe zur Kunst und dem Bauhaus-Know-How war die Schule der Künste/Jugendkunstschule der Kulturgut e. V. Motor des Projekts.

Beginn: 31. August 2019
Förderzeitraum: bis 12. Oktober 2019
Fördersumme: 20.160,00 Euro

Bilder: Schule der Künste/Jugendkunstschule des Kulturgut e. V.
Text: BKJ

Akademie der Kulturen e. V.; Schule der Künste/Jugendkunstschule des Kulturgut e. V., Bochum
HUkultur – Förderverein Hustadt e. V.
Gemeinschaftsgrundschule Hufelandschule