Rappt euch zusammen

Jugendliche vom Projekt Interkulturell-Aktiv e. V.Romeo und Julia treffen sich in Berlin inmitten von Prekarisierung und Privilegien: Das Jugendmusical „The Wedding Story“ lässt nach dem Vorbild der „West Side Story“ Weddinger und Pankower Teenager aufeinanderprallen und soziale Grenzen überwinden.

 

Die Weddingerin Melek und ihr Pankower Freund Lukas würden am liebsten heiraten, aber Meleks Familie ist gegen diese Liebe. Diese Geschichte ist eine der vielen Varianten von „Romeo und Julia“, als Rap-Musical wurde sie vermutlich noch nicht oft erzählt. Der Theaterpädagoge Ufuk Güldü vom Berliner Verein Interkulturell-Aktiv hatte die Idee zu dem Projekt und schrieb zusammen mit Herbert Weber, dem Leiter des Medienhofs Wedding (RAA Berlin), die Vorlage zu dem Stück: „Wir haben zwar einen Text vorbereitet, aber den haben die Jugendlichen während der Proben hundert Mal verändert. Wenn sie ihre eigenen Erfahrungen einbringen können, spielen sie viel lieber, dann sind sie gerne dabei. 90 Prozent von ihnen hören Rap. Rap ist die Musik, mit der Jugendliche protestieren. Das war dann ein Selbstläufer.“ Die Jugendlichen schrieben alle Songtexte selbst. Mit der Unterstützung eines Komponisten, einer Choreografin und einer Regisseurin setzten sie ihre Ideen um und brachten sie auf die Bühne.

Eine diverse Gruppe

Projekt "The Wedding Story" des Interkulturelle-Aktiv e. V.Die 22 Jugendlichen kommen mehrheitlich aus dem Wedding, zu einem Drittel aus Pankow. Der Konflikt aus der West Side Story ließ sich nicht ohne Weiteres übernehmen, berichtet Ufuk Güldü. Er wollte ohnehin vermeiden, Pankower Jugendliche als Stellvertreter der weißhäutigen Jets und die Weddinger aus zugewanderten Familien für die puerto-ricanischen Sharks zu besetzen. Das wäre aber auch gar nicht möglich gewesen: „Wir konnten keine zwei Gruppen mit jeweils einem deutlichen Unterscheidungsmerkmal bilden. Wir haben Dunkel- und Hellhäutige dabeigehabt, Deutsche, Türken und Araber. Das alles war so uneindeutig, dass wir eher damit gespielt und sogar einem dunkelhäutigen Jungen ein Kopftuch aufgesetzt haben. Die Gruppenbildung hat sich von selbst ergeben, die Jugendlichen sind dorthin gegangen, wo sie sich am wohlsten gefühlt haben.“ Dass die Jugendlichen so vielfältig sind, machte es ihnen leicht, sich in der Gruppe zu vermischen, um gemeinsam zu tanzen.

Liebe und Vorurteil

In den Konflikt, der im Plot der ursprünglichen „West Side Story“ noch ethnisch hergeleitet wurde, konnten sich gleichermaßen Weddinger und Pankower hineinversetzen: „Gruppenzugehörigkeit funktioniert als thematischer Aufhänger genauso gut wie Liebe: Alle haben damit Erfahrungen gemacht, alle, die teilgenommen haben, hatten schon ein kritisches Bewusstsein dafür. Manche hatten deswegen auch gelitten.“ Selbst diejenigen, die soziale Privilegien genießen, können zu Außenseiter*innen werden. Während der Proben zum Bühnenstück erzählten Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, dass ihre Eltern Vorurteile zeigen, dass sie das „Fremde“ oder spezielle „Ethnien“ konstruieren. „Diskriminierung gibt es nicht nur zwischen deutsch und nicht-deutsch, sondern auch unter Muslimen. Da heißt es oft: ‚Du bist doch aus dem und dem Grund gar kein richtiger Moslem‘ oder ein türkischer Junge sagt seiner türkischen Freundin: ‚Du musst ein Kopftuch tragen, wenn ich dich heiraten soll‘. Gerade in Beziehungen ist Diskriminierung allgegenwärtig.“

Eingedämmtes Gefälle

Gruppenbild "The Wedding Story"Diese geteilten Erfahrungen haben bei den Jugendlichen für ein Zusammengehörigkeitsgefühl gesorgt, obwohl ihre Situation bei aller räumlichen Nähe kaum unterschiedlicher sein könnte. Der S-Bahn-Damm, der die beiden Stadtteile trennt, bildete früher die Grenze zwischen BRD und DDR. Der Damm markiert auch heute noch eine Grenze: die zwischen sozialer Teilhabe und sozialer Benachteiligung, Bildungschancen und Bildungsferne. In dem Bericht „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ (MSS) werden jährlich Veränderungen der Sozialstruktur in Berlin dokumentiert. Die Weddinger Viertel „Soldiner Straße“ und „Brunnenstraße“ wurden in dem Bericht von 2019 als Gebiete „mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ klassifiziert, mit „sehr niedrigem Status und stabiler Dynamik“, was bedeutet, dass einstweilen keine Veränderung in Sicht ist. Das prägt das Selbst- und Fremdbild der Jugendlichen, die dort wohnen. Im wenige Minuten entfernten Florakiez in Pankow, einem gut bürgerlichen und Intellektuellenmilieu, macht sich die Gentrifizierung mehr und mehr bemerkbar, Bodenpreise haben sich hier in zehn Jahren verzehnfacht. Während des Projekts wurden solche Unterschiede von den Jugendlichen aber überwunden. Es entstanden Freundschaften, die sonst mangels Berührung ausgeblieben wären. Die Jugendlichen trafen sich zwischen August 2018 und Juni 2019 zwei Mal wöchentlich, arbeiteten in Intensivwochen acht Stunden am Tag zusammen und lernten an manchen Wochenenden zusammen ihren Text. Ufuk Güldü sah, dass sie zusammen ausgingen und am Samstagabend nach den Proben zusammen im Theater feierten: „Durch die gemeinsame Arbeit und das Spiel, durch das gemeinsame Lernen von Tanzarten haben sich Bindung und Vertrauen aufgebaut.“ Beim gemeinsamen Schreiben der Rap-Texte gab es zwar Reibereien, aber die entstammten dem allseitigen Eifer, den richtigen Ausdruck zu finden.

Tanz in die Zukunft

Die Gruppenerfahrung hatte bei manchen einen positiven Einfluss auf ihre Persönlichkeitsentwicklung und Zukunftsplanung. Ein streng gläubiges Mädchen hielt sich z. B. anfangs noch sehr bei der Gruppeninteraktion zurück. „Zum Schluss war sie die Ausgeflippteste von allen, hat bei allem mitgemacht und war ganz Teil der Gruppe.“ Zwei von den Jugendlichen wollen nun Schauspieler werden. Einer von ihnen hat nach dem Stück in einem Werbespot mitgewirkt, der andere wird bereits von einer Castingagentur betreut.

Mit der Zukunft beschäftigten sich die Jugendlichen auch zum Abschluss des Musicals. Im „Zukunftslied“ setzten sie sich dafür ein, ein friedliches Zusammenleben durch gemeinschaftliches Zusammenarbeiten zu verwirklichen. Ufuk Güldü hatte den Eindruck, dass sie in diesem Song ihren Lernprozess verarbeiten wollten:

„Alle diejenigen, die in dem Musical mitgewirkt haben, werden wahrscheinlich in Zukunft die Menschen, denen sie begegnen, nicht mehr nach ihrem Aussehen beurteilen. Sie werden stattdessen versuchen, sie kennenzulernen und herauszufinden, wer und wie sie sind. Ihre Einstellung hat sich in dieser Hinsicht spürbar geändert.“

Ufuk Güldü, Interkulturell-Aktiv e. V.

Von etwa hundert Projekten, die Ufuk Güldü seit 2012 bei Interkulturell-Aktiv e. V.  betreute, gehört „The Wedding Story“ zu seinen drei liebsten: „Schade, dass für solche Projekte das Geld fehlt, um sie fortzuführen. Alle von den Teilnehmenden wären dabei gewesen. Genauso wie für alle anderen war für mich das einzig Negative, dass wir uns schon nach einem Jahr trennen mussten.“ In Zukunft würde er ein ähnliches Projekt gerne in Spandau durchführen, dem „vergessenen“ Berliner Ortsteil mit immer größeren sozialen Problemen und mangelnden Perspektiven für die Jugendlichen, die dort leben. An der Grenze zu Charlottenburg mit seinen Eliteschulen sieht Ufuk Güldü eine ähnliche Ausgangslage wie am Bahndamm zwischen Wedding und Pankow. Und damit auch ein ähnliches Potenzial.

Bilder: Interkulturell-Aktiv e. V.
Text: Waldemar Kesler

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2020): Zukunftsgestalter*innen. Mit Kunst und Kultur für die Gesellschaft aktiv. Arbeitshilfe. Berlin/Remscheid. S. 38-41

Weitere Informationen

Bündnispartner:
Interkulturell-Aktiv e. V.
Medienhof-Wedding (RAA Berlin) e. V.
Herbert-Hoover-Sekundarschule
Diesterweg-Gymnasium