Stimmbildung und politische Bildung im Einklang

Kinder Bandprojekt im Rahmen von Stimmbildung und politische Bildung im Einklang, M2B e. V.Im Berliner Bezirk Lichtenberg wird etwas gegen Wahlmüdigkeit getan, bevor sie einsetzen kann. Im Vorfeld der U18-Wahl ist ein Karaokemobil mit dem Auftrag unterwegs, bei Kindern und Jugendlichen durch Spaß am Singen politisches Bewusstsein zu wecken. Am 26. Mai 2019 stand in Deutschland die Europawahl an.

Neun Tage zuvor durften bundesweit Kinder und Jugendliche bei der U18-Europawahl ihre Stimme abgeben. Manuela Elsaßer, die Beauftragte für Kinder- und Jugendbeteiligung im Bezirk Lichtenberg, begleitet das U18-Projekt seit vielen Jahren. Sie weiß, dass Kinder und Jugendliche noch keinen direkten Bezug zu politischen Prozessen haben: „Mit politischer Bildung alleine kommt man selten an sie heran. Um ihr Interesse zu wecken, brauchen wir eine Aktivität, die ihnen Spaß macht.“ Vor der Bundestagswahl 2017 hatte Claudia Engelmann, die Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, die Idee, politische und Kulturelle Bildung mit einem Karaokemobil zu verbinden. Das Karaokemobil war dann in Freizeiteinrichtungen und Schulen unterwegs. Dort konnten die Kinder und Jugendlichen nicht nur drauflos singen. Sie wurden spielerisch für die Wahlparty gecastet, bei der die Ergebnisse der U18-Wahlen bekanntgegeben wurden. Die besten Karaokesänger*innen traten auf dieser Party unter dem Motto „Deine Stimme zählt!“ auf. Den Sieger*innen winkte die Möglichkeit, eigene Songs zu schreiben und sie in der offenen Projekteinrichtung „Jugendfunkhaus“ aufzunehmen.

Über Unterhaltung zur demokratischen Partizipation

Interview, Stimmbildung und politische Bildung im Einklang M2B e.V.Frank Bielig betreute das Projekt damals für die pad gGmbH. Er erinnert sich, dass nicht alle Lehrer*innen diesen Ansatz für eine gute Idee hielten: „Die meisten waren dafür aufgeschlossen, aber manche Schulen fanden ihn zu unterhaltend. Wir wollten die Beteiligung für die Kids aber bewusst niederschwellig halten und das Casting-Format ist etwas, das sie aus ihrem Alltag kennen.“

Die Schulen, in denen das Karaokemobil Halt machte, beteiligten sich als Wahllokale an den U18-Wahlen. Die Voraussetzung dafür war, dass sie sich mit den Kindern und Jugendlichen mit der Wahl und politischen Themen auseinandersetzen. Der musikalische Teil sollte den Schüler*innen derweil Lust machen, beim „Wahl-Event“ aktiv zu werden.

Um die mancherorts gefühlte Kluft zwischen der „ernsthaften“ politischen Bildungsarbeit und der Aktivierungsarbeit zu verringern, brachte das Karaokemobil vor der Europawahl 2019 die „Demokratie-Lounge“ mit. Bevor die Karaoke-Maschine angeworfen wurde, sollten die Kinder und Jugendlichen an den interaktiven Spielen in dieser Lounge teilnehmen. Sie konnten dort z. B. durch einen Fragebogen herausfinden, welcher „Demokratietyp“ sie sind: Helfer*in, Rebell*in oder „Couchpotato“, also Politikmuffel. Manuela Elsaßer konnte durch die Spiele die Jugendlichen dazu bewegen, ihr politisches Bewusstsein von außen zu betrachten: „Wenn ein Jugendlicher dann damit prahlte, dass ihm als Couchpotato alles egal ist, konnte ich direkt darauf reagieren und ihm sagen, was für Probleme jemand mit dieser Einstellung haben könnte. Und so kamen wir sofort in ein Gespräch über die Folgen von politischen Haltungen.“

Singendes Kind auf der Bühne, Musikprojekt, Stimmbildung und politische Bildung im Einklang, M2B e.V.Nachdem das Casting abgeschlossen war, waren die Schüler*innen noch nicht darauf vorbereitet, bei einer Party mit 200 erwarteten Gästen auf der Bühne zu stehen. Frank Bielig stellte ihnen professionelle Musiker*innen an die Seite, die ihnen in Workshops, Schnupperkursen und Projektwochen Gesangsunterricht gaben, sie instrumental unterrichteten und auch mental auf den Auftritt vorbereiteten. In der Lichtenberger Variante einer Castingshow entwickelte sich eine besondere Dynamik: Die acht Finalist*innen der Wahlparty beließen es nicht dabei, gegeneinander anzutreten, sie gründeten nach dem Gesangstraining eine Band und traten mit einem gemeinsamen Song auf.

„Das ging plötzlich über kulturelle und politische Bildung hinaus. Wir wollten keine Themen abblocken. Sie haben über alles gesprochen, was sie beschäftigte. Hinter den Songtexten stecken ganz viele Geschichten: Familienkonflikte oder der Wunsch, das Geschlecht zu wechseln.“ Manuela Elsaßer, Beauftragte für Kinder- und Jugendbeteiligung in Lichtenberg

Politische Party

Die Party war der Höhepunkt der U18-Wahlen, eine bunte Mischung aus kultureller und politischer Bildung. Auf einer Leinwand wurden die Wahlergebnisse aus Lichtenberg, Berlin und Europa projiziert. Jugendreporter*innen interviewten Politiker*innen und Besucher*innen. Es gab Talkrunden zu Themen, die die Schüler*innen in der Demokratie-Lounge und bei der Karaoke wiederholt angesprochen hatten. Ein Beispiel dafür war das Thema „Upload-Filter“ bei der EU-Urheberrechtsreform, v. a. die Verbreitung von Inhalten ohne Zustimmung der Urheber*innen. Für die Lichtenberger Jugendlichen bekam die manchmal schwer greifbare Europapolitik beim Thema „freies Internet“ einen unmittelbaren Bezug zu ihren Bedürfnissen. Neben dem Umwelt- und Naturschutz waren auch Krieg und Armut große wiederkehrende Themen: „Viele von ihnen haben die Auswirkungen in ihren Freundeskreisen erlebt“, hat Frank Bielig bemerkt.

Musikalisches Talent war nicht das einzige, das das Casting zutage förderte: Der 12-jährige Laslo hatte seine Udo Lindenberg-Nummer mit einer solchen rhetorischen Verve begleitet, dass er schließlich bei der Party eine ganze Casting-Runde alleine moderierte. Dafür durfte er sich über einen originalen Udo Lindenberg-Hut freuen. Manuela Elsaßer hatte den Eindruck, dass die Informations- und Unterhaltungselemente nun im Gleichgewicht waren: „Ich glaube, dass wir den Kids das Gefühl vermitteln konnten, dass hier etwas Besonderes passiert und sie ein wichtiger Teil des Ganzen sind.“

Persönliche Erfahrungen

Nach dem Ende der Wahl konnten die Schüler*innen ihre eigenen Songtexte schreiben. Über ein Jahr lang trafen sie sich ein bis zwei Mal in der Woche, um Musik zu machen, was bei ihrem getakteten Alltag nicht einfach einzurichten war. In den drei Monaten nach der Wahl ging es um die Themenfindung und -ausarbeitung. Es war eine intensive Zeit für die Jugendlichen. Sie sprachen ausgiebig über ihre familiäre Herkunft und ihre persönlichen Erlebnisse: über ihre Pubertät und Körperwahrnehmung, Trennungserfahrungen oder die Scheidung der Eltern. Manuela Elsaßer war überrascht darüber, wie sehr begleitende Sozialarbeit notwendig war: „Das ging plötzlich über kulturelle und politische Bildung hinaus. Wir wollten keine Themen abblocken. Sie haben über alles gesprochen, was sie beschäftigte. Hinter den Songtexten stecken ganz viele Geschichten: Familienkonflikte oder der Wunsch, das Geschlecht zu wechseln.“

Inzwischen haben die Teilnehmer*innen ihre ersten Songs auf einer CD aufgenommen und den „Kompetenznachweis Kultur“ erhalten. Insgesamt nahmen 118.302 Kinder und Jugendliche an der U18-Europawahl 2019 teil. Im Vergleich zur Wahl 2014 hat sich die Zahl verdreifacht. Das Projekt U18 hat gezeigt, wie dieser Trend in Zukunft Schule machen kann: durch ein Netzwerk sowohl von Lehrer*innen als auch von Sozialarbeiter*innen und Künstler*innen an engagierten Freizeiteinrichtungen, die nicht nur politische Bildung, sondern auch die Bedürfnisse der Schüler*innen ernst nehmen.

Bilder: M2B e. V.
Text: Waldemar Kesler

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2020): Zukunftsgestalter*innen. Mit Kunst und Kultur für die Gesellschaft aktiv. Arbeitshilfe. Berlin/Remscheid. S. 62-65.

Weitere Informationen

Bündnispartner:
pad – präventive, altersübergreifende Dienste im sozialen Bereich – gGmbH
Förderkreis Kunst, Kultur und Jugend e. V.
ORWOhaus e. V., Berlin.