TUSCH – Theater & Schule

Heimat für Kulturelle Bildung

Die Jugendkunstschule ARThus in Rostock beschreitet seit 2015 ein neues Arbeitsfeld. Der Wunsch nach mehr Kooperation und Kultureller Bildung war Ausgangspunkt und der Schwerpunkt Theater ergab den Kontakt mit TUSCH in Berlin, einem Modell, dass dem Theaterpädagogen Erik Raab während seines Studiums an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Rostock über den Weg gelaufen war. Dank fachlicher Beratung von TUSCH entstand der Plan, TUSCH auch in Rostock umzusetzen – und dann kam das BKJ-Programm „Künste öffnen Welten“ und brachte mit der Förderung insbesondere die Perspektive Sozialraum und Teilhabegerechtigkeit mit.

In dem neuen Projekt von Jugendkunstschule, Schul- und den anderen Bündnispartnern, kam dann alles zusammen, beschreibt Erik Raab: „Das war und ist ein Prozess und beschäftigt uns bestimmt schon seit fünf Jahren. Die Ganztagsentwicklung an Schulen, der Wunsch nach mehr Kultureller Bildung, nach mehr Kooperation und die damit zusammenhängenden politischen Forderungen.“

In diesem Zeitraum hat ARThus viel für diese Ziele getan, als geförderte Einrichtung der Hansestadt Rostock wurden Arbeitsschwerpunkte verlagert und die Grundlage für den Aufbau und die Begleitung von fünf parallelen Bündnissen geschaffen. Trotz vieler Gespräche war eine kommunale Finanzierung des hohen zusätzlichen Personalaufwands in dieser Phase nicht realisierbar. Dennoch waren diese Gespräche wichtig und wertvoll. Erik Raab betont: „Man muss eine Form finden, dass alle voneinander wissen. Die Stadt sieht die Notwendigkeit der Vernetzung bei der Gestaltung kommunaler Bildungslandschaften. Das bedeutet für die Beteiligten Erfahrungsgewinne und erfordert Kompromissbereitschaft.“

So war für die Jugendkunstschule z. B. vor dem Hintergrund der Vorortung im „Amtsbereich Kultur“ die inhaltliche und fachliche Auseinandersetzung mit den Aspekten Sozialraum, Teilhabechancen und der Zugang zu Kindern und Jugendlichen* mit besonderen Förderbedarfen eine neue Herausforderung. Ganzheitliche Konzepte für Bildungslandschaften und die Überwindung des Grabens zwischen den Ämtern für Jugend und Kultur sind so noch nicht vorhanden. Damit hat Kulturelle Bildung auch noch keine konkrete Heimat, sorgt sich Erik Raab: „Aktuell bietet die Kommune noch keine adäquaten Förderungen für Kulturelle Bildung, die dem gesetzten fachlichen und inhaltlichen Anspruch gerecht werden. „Künste öffnen Welten“ und „Kultur macht stark“ sprangen hier ein – auch wenn die Kommunen es teilweise falsch fanden, wenn an ihr vorbei gefördert wird.“ Hier müssen auf Stadt-, Land- und nicht zuletzt auf Bundesebene entsprechende Weichen gestellt werden.

Die Aufgaben von Erik Raab in den Bündnissen sind vor allem Moderation, Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Abstimmung mit Verwaltung und Administration. „Es hat sich so entwickelt, dass wir hier in der Kunstschule nicht nur das Projektbüro für TUSCH sind, sondern auch Ansprechpartner für Interessierte.“ Und er hat jeden Tag damit zu tun. Mehr als eigentlich vorgesehen. Zu den anfänglichen Kursen mit Schul- und sozialräumlichen Partnern sind weitere dazu gekommen, viel mehr als geplant. „Es haben sich dann einfach immer mehr gemeldet“, freut er sich. Auf Basis der Bündniserfahrungen wurde nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten gesucht und diese im Rahmen der Möglichkeiten auch gefunden.

Erik Raab beobachtet, vernetzt sich lokal, lernt und befragt in bundesweiten Netzwerken andere nach ihren Erfahrungen. „Gerade ist ein guter Zeitpunkt“, sagt er. Von Anfang an hat ARThus in jedem Sachbericht die Projekte erwähnt, von Erfolgen und Bedürfnissen gesprochen und von den Kooperationsmöglichkeiten mit Schulen, den Stadtteilbegegnungszentren und der Schulsozialarbeit berichtet. „Auch wenn wir mittlerweile die Bündnisse alle auf einer gemeinsamen Organisationsbasis etablieren, gestaltet sich am Ende jeder Kurs und Projektverlauf anders“, so Raab. „Gerade der Vergleich und die Evaluation, was funktioniert und was nicht, welche Rahmenbedingungen notwendig waren, sind wertvolle Erfahrungswerte. Klar ist, dass das „Neuland“ Reibungspunkte, Konflikte und zu lösende Probleme mit sich brachte.“ Hier ist ein langer Atem wichtig, der insbesondere durch die längerfristige Einplanung des Programms an der Jugendkunstschule gesichert wird.
Rostock feiert bald seinen 800. Geburtstag. Den organisiert ein eigenes Projektbüro mit eigenem Budget. Bei diesem stellte sich dann auch die Jugendkunstschule ARThus mit den bereits bei „Künste öffnen Welten“ erarbeiten Bündnisstrukturen vor: das Konzept mit sozialraumbezogenen „Stadtteiltheatergeschichten“ (biografisches Theater, Dokumentar- und Recherchetheaterformen) überzeugte, freut sich Erik Raab: „Auch wenn die Finanzierung nur anteilig machbar war, arbeiten in der nächsten Spielzeit Kinder in neuen Bündnissen zu ihren Stadtteilen, die Produktionen werden zu den Veranstaltungen zum Stadtjubiläum und beim TUSCH-Festival 2018 auf großer Bühne präsentiert.“

Für Erik Raab ist TUSCH Rostock ein Modellbeispiel, in dem viel funktioniert: Die grundsätzlichen Bündnisstrukturen und die Zielgruppen, die erreicht werden. Das Aufbauen praktischer Arbeitsgrundlagen, die enge persönliche Zusammenarbeit der beteiligten Kursleitungsteams.“ Aber er kritisiert auch, dass „es noch immer Zufall ist, ob ein Kind in der eigenen Bildungskarriere mit Kultur in Kontakt kommt oder nicht“.

Erik Raab möchte aber vor allem auch schon vorhandene Systeme nutzen, um Bildungschancen zu erweitern. So fehlt den TUSCH-Bündnissen z. B. oft der Kontakt zu den Eltern, gerade wenn z. B. der familiäre und soziale Hintergrund von benachteiligten Kindern und Jugendlichen* problematisch ist. Eine mögliche Antwort wäre die Integration bereits vorhandener Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit der Stadt, z. B. sogenannte „Familiencoaches“, ein sozialpädagogisches Angebot für Familien direkt vom Jugendamt. Erik Raab meint: „Hier wäre doch ein Hinweis auf unsere Projekte möglich. Ich wünsche mir, dass es immer auch gleich konkret wird.“

Für ein gutes Netzwerkes in einer Kommune braucht es seiner Meinung nach Folgendes: „Auch wenn das nicht sehr originell klingt: Es steht und fällt mit einer guten Finanzierung und den damit verbundenen Fachkräften.“ Außerdem findet er es toll, wenn eine Kommune versucht ihre eigenen Amtsgrenzen zu überwinden und es schafft Synergien zu nutzen. Dafür braucht es Mut: Mut rauszugehen, meint Erik Raab.

Den brauchen die Kinder und Jugendlichen* in den TUSCH-Projekten auch, wenn sie am Ende einer Spielzeit ihre Stücke auf die Bühne bringen. Ende Mai war das letzte Festival und was Erik Raab dort neben dem Mut besonders beeindruckt hat, war die Art und Weise, wie die Kinder und Jugendlichen* nach den Vorführungen über- und zueinander gesprochen haben, obwohl sich die verschiedenen TUSCH-Gruppen nicht kannten. „Richtig berührt haben mich diese Reflexionsrunden.“

Und für diese Momente wird er gerne darauf hoffen, dass sich Politik und Zivilgesellschaft Zeit nehmen und sprechen. Am liebsten wäre ihm, wenn die Politik den Rahmen und Raum bietet und auf Entwicklungen aus den Sozialräumen reagiert. Denn dann gibt es für lokale Bildungslandschaften gute Aussichten.

Beginn: 27. Mai 2014
Förderzeitraum: bis 10. Februar 2017
Fördersumme: 58.375 Euro

Bilder: Jugendkunstschule ARThus  e. V.