Vernetzende Musikkurse im Neuköllner Kiez

Vernetze Musik (Bilder: AmaroForo e. V.)Ein Straßenfest in Berlin-Neukölln. Ein umgebauter Bollerwagen mit sieben Schlagtrommeln ist das Instrument – das „Drumobil“ –, welches die sechs- bis 12jährigen Grundschulkinder zum Klingen bringen. Viele der Kinder sind kürzlich erst nach Neukölln gekommen, sie stammen aus Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, sind türkischer oder arabischer Herkunft. Vom Musikkurs haben sie durch den Verein Amaro Foro, eine Jugendorganisation für Roma und Nicht-Roma, erfahren oder weil sie Schüler/-innen der Neuköllner Boddin-Schule sind, die ebenfalls Bündnispartner im Projekt ist.
Dass sich die Kinder mit den Ergebnissen des Musikkurses im öffentlichen Raum präsentieren, ist wichtiger Bestandteil des Projekts, denn sie gehören dazu – zum Kiez, zur Stadt: „Was ich als partizipativ empfinde, ist, dass wir uns zeigen – auch im Park oder auf dem Tempelhofer Feld. Es ist wichtig, dass die Kiezbewohner einen Blick auf uns bekommen, dass wir den Alltag mitgestalten und es sehr schön sein kann, wenn wir dabei sind“, beschreibt Fiona Kelly, die Leiterin des Projekts, das Anliegen.

Das steckt an, auch Kinder aus dem Publikum wollen auf den Instrumenten mitspielen. Gemeinsam mit den Kindern aus dem Musikkurs, die wöchentlich trommeln, Rhythmen üben, Instrumente bauen und mit Keyboard und Gesang experimentieren, probieren sie sich aus. Wollen sie bleiben, steht ihnen der Musikkurs offen.

Nach und nach äußern sie ihre Interessen, wie beim „Drumobil“. Dieses zu bauen war Bestandteil des Projektkonzepts und entstand im Workshop mit den Kindern im ersten Projektjahr: „Das war aber nicht deren Idee und sie haben letztes Jahr eigentlich gar nicht auf dem ‚Drumobil‘ spielen wollen.“ Durch die Ideen der Kinder ist im Workshop in diesem Jahr aus dem „Drumobil“ eine Klanginstallation geworden. „Jetzt fangen sie an, das mit ihrem eigenen Spiel zu verbinden. Das ist immer der große Dialog zwischen Begleitern und Kindern“, so die Erfahrung der Projektleiterin. Zeit und Kontinuität ermöglicht ihnen erst, sich einzubringen. Jetzt entscheiden die Kinder auch mehr und mehr, welche Musik sie wie spielen und „sie fangen an, selber zu komponieren. Es gibt auch ein Mädchen, das Gitarre spielt und jetzt gern begleiten will. So ergreifen die Kinder selber Initiative. Ich will auch, dass sie kreativ und selbst verantwortlich werden.“ Obwohl genau das für die Eltern auch befremdlich sein kann. Ein Vater ist Fiona Kelly im Gedächtnis geblieben, der schockiert war, als sein Sohn ihm erklärte, dass er die Musik selbst komponiert hat. „Er meinte: ich dachte, ihr geht zum Unterricht und lernt Sachen. Nicht, dass ihr selber etwas erfindet. Ihm mussten wir erst einmal vermitteln, dass das doch das Schöne ist, dass der Sohn das selbst gemacht hat.“ So werden neben der kreativen Arbeit mit den Kindern auch immer wieder die Eltern angesprochen, bei Problemen wird vermittelt. Die Ehrenamtlichen, die die Eltern im Verein Amaro Foro sonst zu sozialen und rechtlichen Fragen beraten, stehen auch hier zur Seite.

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So unterschiedlich die Kinder sind im Alter, der Sprache, der Religionszugehörigkeit, Mädchen und Jungen, so unterschiedlich sind auch die Ehrenamtlichen, die das Projekt begleiten. Von ihnen sind, neben der Projektleiterin immer zwei oder drei dabei, wenn die 15 bis 20 Kinder sich wöchentlich in den Räumen von Young Arts NK treffen.

Das Musizieren verbindet die Kinder, aber sie streiten auch miteinander: „Das schlimmste, was ich erlebt habe, war, dass sie der anderen Götter beschimpft haben. Ich habe gedacht, was kann ich jetzt noch dazwischen gehen.“ Fiona Kellys Rezept damit umzugehen, ist der Respekt füreinander: „Einander Raum geben, dass ich für mich meinen Platz habe und jemand anderes auch. Dass man das Anderssein respektiert – das ist eigentlich so die große Methode.“ Sie nimmt solche Streitereien sehr ernst, auch, wenn es nur darum geht, dass ein Kind eine bestimmte Trommel nicht bekommen kann. Dabei arbeitet sie nach dem Motto „Sag es mir und es wird gehört, ich gehe darauf ein“. Sie erinnert die Kinder daran, warum sie die Musikkurse besuchen: „Immer wieder sehr pur ohne familiären Hintergrund, ohne religiösen Hintergrund auf diesen Punkt zurückkommen: Wir sind jetzt zusammen und wir wollen Spaß haben und etwas Schönes machen miteinander.“

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Häufig sind es die Jungen, die miteinander in Konflikt geraten. Mädchen sind bisher weniger am Projekt beteiligt, „weil sie auf die jüngeren Geschwister aufpassen müssen. Da sind wir auch schon zu den Eltern gegangen. Die Mütter meinten oft, dass sie sie brauchen“. Einige Mädchen sind dennoch in der Gruppe angekommen, sie verabreden sich und kommen gemeinsam zum Kurs. Und: „Die Jungs haben jetzt endlich akzeptiert auch begleitend zu spielen auf der Bühne, zu dem, was die Mädchen singen. Das ist jetzt eine soziale Entwicklung, statt am Anfang so angeberisch zu sein. Das ist wirklich sehr schön“, resümiert Fiona Kelly.

 

Beginn: 23. März 2013
Förderzeitraum: bis 14. April 2016
Fördersumme: 37.104 Euro

Bilder: Amaro Foro e.V.