Von LÖWEN und anderen Tieren

Gute Rahmenbedingungen für Kooperationsqualität im Bildungsnetzwerk der StädteRegion Aachen

Teilhabechancen für alle Kinder und Jugendlichen* in der Region zu verbessern. Nicht mehr und nicht mehr weniger ist das zentrale Ziel des Bildungsnetzwerks der StädteRegion Aachen. Und das schon seit 2009, als die StädteRegion Aachen als Gemeindeverband, bestehend aus zehn Ko mmunen, gegründet und mit der wichtigen Aufgabe, das Bildungsmanagement für diesen Kreisverband zu übernehmen, betraut worden ist. Ausgestattet mit dem „Bildungsbüro“ als eigenes Amt, wurde begonnen, das Bildungsnetzwerk über die gesamte Region zu spinnen, zu koordinieren, zu vernetzen, Themen zu initiieren. Von Anfang an dabei war auch die Bleiberger Fabrik, eine große Aachener Jugendkunstschule, die damals schon viele Jahre lang mit Schulen kooperiert hat, um „Kinder dort zu erreichen, wo sie leben und nicht nur diejenigen, die sowieso von ihren Eltern zu uns gebracht werden“, erinnert sich Sibylle Keupen, Leiterin der Bleiberger Fabrik.

Mit dieser Erfahrung ist die Bleiberger Fabrik in Aachen gut vernetzt. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen, so beschreibt Sibylle Keupen, sind sie „auch Teil von vielen Netzwerken oder initiieren Netzwerke, um Verbindungen, Verknüpfungen zu schaffen.“ Sich mit diesen Voraussetzungen an „Kultur macht stark“ zu beteiligen, war für sie klar, denn das Förderprogramm böte durch die guten Ressourcen die Möglichkeit „Projekte größer zu denken und anzulegen und damit auch nochmal mehr Kinder und Jugendliche zu erreichen und auch mit mehr Partnern zu arbeiten.“ Fünf Projekte hat die Bleiberger Fabrik in diesem Rahmen im BKJ-Programm „Künste öffnen Welten“ in den vergangenen fünf Jahren umgesetzt. Jenseits von Einmalangeboten wie Projekttagen oder „vereinzelten kleinen Feuerwerken“ hätten sie so konzentrierter mit Schulen kooperieren können und gemeinsam mit Lehrer*innen und den Schulkonferenzen ausloten können, wie Kulturelle Bildung nachhaltig in die Schulentwicklung eingebracht werden kann. Ein wichtiges Thema auch für die gesamte StädteRegion Aachen, in der etwa zeitgleich ein entsprechendes Modellprojekt für kulturelle Schulentwicklung samt Akteursnetzwerk aufgebaut worden ist. Die Bleiberger Fabrik war „als starker Partner einbezogen […] und [hat] über das Bildungsbüro auch Schulen als neue Partner gefunden, die wir sehr wertschätzen und als Bereicherung empfinden, weil die natürlich ihrerseits durch das Bildungsbüro im Prozess kulturelle Schulentwicklung begleitet werden, z. B. auch beim Thema Kooperationsmanagement“.

Kulturelle Bildung also als Ausgangspunkt, mit dem sich das Bildungsnetzwerk auf den Weg gemacht hat. Schon seit 2011 ist die StädteRegion Aachen in Kooperation mit der Arbeitsstelle „Kulturelle Bildung in Schule und Jugendarbeit NRW“ eine Modellregion für Kulturelle Bildung. Im Mai 2015 wurde das Gesamtkonzept „KuBiS – Kulturelle Bildung in der StädteRegion Aachen“ im Rahmen des Wettbewerbes „Auf dem Weg zum Kinder- und Jugendkulturland NRW“ des Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport in Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Das ist nicht ohne Grund so, denn Kulturelle Bildung ist als Handlungsfeld – u. a. neben der Gestaltung von Bildungsübergängen und MINT-Bildung – von Anbeginn „integrativer Bestandteil des regionalen Bildungsnetzwerkes und damit immer wieder Thema von politischen und Verwaltungsentscheidungen“, erläutert Gabriele Roentgen, die als pädagogische Mitarbeiterin des Landes Nordrhein-Westfalen ein Teil der Doppelspitze des Bildungsbüros ist. Dr. Sascha Derichs ist als Mitarbeiter der Verwaltung der andere Teil. Gemeinsam leiten sie das Bildungsbüro.

Besonders ist, dass für ihre Arbeit langfristig Ressourcen – wie Personal, Finanzen und Expertise – zur Verfügung stehen. „Die Städteregionsverwaltung hat sich nach der Beteiligung am Bundesprogramm Lernen vor Ort, das von 2009 bis 2014 ging und die Arbeit des Bildungsbüros in der Aufbauphase unterstützt hatte, entschieden, dieses große Bildungsnetzwerk nachhaltig mit Ressourcen zu versehen“, was den besonderen Stellenwert des Bildungsthemas in der Region zeige, so Gabriele Roentgen. Durch die Etablierung als eigenes Amt wird die Bedeutung des Themas durch die Behördenleitung unterstrichen. Auch die Politik nimmt das Thema sehr ernst und forciert und unterstützt unsere Arbeit“, beschreibt Dr. Sascha Derichs die Situation.

Organisiert im KuBiS-Netzwerk, sind die Arbeitsgremien für Kulturelle Bildung Teil des regionalen Bildungsnetzwerks. Eine Steuerungsgruppe – mit Vertreter*innen aus Kindertageseinrichtungen, Schulen und Offenen Treffs sowie Künstler*innen, kommunalen Einrichtungen und Kulturinstitutionen z. B. Jugendkunstschulen, Museen und Bibliotheken – diskutiert, wie die Akteure zusammengebracht werden können, welchen Bedarf sie haben und wie die Teilhabechancen der Kinder und Jugendlichen* an Kultureller Bildung erhöht werden können. Gemeinsam wurden z. B. ein Qualitätsrahmen für kulturelle Schulentwicklung und Empfehlungen für die Kooperation zwischen Künstler*innen und Bildungseinrichtungen entwickelt.

Auch die Bleiberger Fabrik ist Mitglied dieser vom Bildungsbüro berufenen Steuerungsgruppe. Dem Bildungsbüro sei „es wichtig, abzubilden, was es an Anbietern und Abnehmern in der Kulturellen Bildung gibt, um passgenau arbeiten und sagen zu können, was diese Menschen brauchen, damit die Kulturelle Bildung bei möglichst vielen Kindern und Jugendlichen qualitativ hochwertig ankommt“, erklärt Gabriele Roentgen. Sibylle Keupen würde sich wünschen, dass in der Lenkungsgruppe des Bildungsbüros die außerschulische Kulturelle Bildung stärker vertreten wäre: „Das ist noch ein sehr schulfokussiertes Denken und Handeln und wir als außerschulischer Partner, wir sind im Bereich der Kulturellen Bildung sehr gefragt und arbeiten da eng zusammen, aber in der Struktur sind wir noch nicht entsprechend abgebildet. In der Lenkungsgruppe gibt es z. B. keinen Vertreter. Wenn man wirklich will, dass Bildung ganzheitlich und über den formalen Bildungsbereich hinaus gedacht wird, dann müssen die außerschulischen Träger noch stärker einbezogen werden.“

Und doch: Das Bildungsnetzwerk sei ein wichtiges Scharnier, um das Angebot der Jugendkunstschule breit an die vielen Schulen der Region zu kommunizieren. Die Erfahrung von Sibylle Keupen ist, dass damit „eine größere Nachfrage und gezieltere Kooperation befördert wurde. Das ist wichtig, denn wir hatten vorher den Eindruck, dass wir zwar viel machen, das aber nicht strategisch in die Entwicklung einer übergreifenden Bildungslandschaft eingespielt ist. Das Modellprojekt kultureller Schulentwicklung hat die Chance eröffnet, weiter zu gehen, wir fokussierten uns auf diese Schulen und arbeiten intensiv zusammen, um dort qualitätsvollere Kooperationen zu entwickeln.“ Das Bildungsbüro bietet im KuBiS-Netzwerk auch Konferenzen und andere Vernetzungsformate an, die für Sibylle Keupen wertvoll sind: „Dadurch generieren sich wieder neue Themen, findet man Verbindungen, Verknüpfungen, die man sonst in diesem 1:1 Kontakt nicht so präsent hat.“ Ein Projekt der Bleiberger Fabrik ist so entstanden: „Aus einem Speed Dating heraus, das die Steuerungsgruppe Kulturelle Bildung initiiert hatte. Die Kita, unser späterer Bündnispartner, sprach uns direkt an, weil sie gern mit uns ein Projekt realisieren wollten.“ Gefördert wurde das Projekt über „Künste öffnen Welten“ und hat die Vorschulkinder mit Senior*innen aus dem Nachbarschaftstreff zusammen gebracht. „Sie haben ihr Umfeld künstlerisch neu entdeckt und in diesem Prozess einander mit verschiedenen individuellen Stärken und Fähigkeiten kennengelernt. Von dieser Begegnung haben die Teilnehmenden profitiert“, so Sibylle Keupen.

Den Mehrwert des KuBiS-Netzwerks für weitere Akteure kennt Gabriele Roentgen, die die erste Auswertung einer Befragung der Akteure zusammenfasst: „Viele haben gesagt, der Stellenwert der Kulturellen Bildung in der Region habe sich durch die Arbeit des Netzwerkes deutlich erhöht. Es gibt feste Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen und Beratung zur Verbesserung der Kooperation zwischen schulischen und außerschulischen Akteuren. Viele sagen, dass der Mehrwert durch den regelmäßigen Austausch unglaublich groß ist. Die Wirkung auf die Akteure ist so: Ich bin nicht alleine, sondern Teil eines Ganzen und damit kann ich auch sehr viel mehr gestalten als vorher. Vor allem die Kitas, Schulen und Offenen Türen sagen, dass sie mehr Informationen zur Kulturellen Bildung erhalten und deswegen mehr anbieten können. Und nicht zuletzt gibt es die wichtige  Rückmeldung, dass sich die Motivation des Einzelnen zur Mitarbeit durch die unterstützende Struktur erhöht hat“.

Einige Wünsche bleiben dennoch offen. Gabriele Roentgen wünscht sich noch mehr Kontakt zu Jugendeinrichtungen und Offenen Türen, damit dort mehr junge Menschen die Angebote der Kulturellen Bildung nutzen können. „Denn immerhin gibt es hunderte Orte in der StädteRegion, die Kinder und Jugendliche täglich besuchen. In den non-formalen Bildungsorten liegt noch viel Potenzial, um Kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche anzubieten.“ Eine andere Lücke stellt die Finanzierung der einzelnen Projekte und Maßnahmen dar: „Wenn man die Akteure fragt, dann ist die dauerhaft implementierte Finanzierung der Kulturellen Bildung in den Einrichtungen ein Riesenthema – sowohl was die Bildungseinrichtungen betrifft, als auch die Kulturanbieter“, fügt Gabriele Roentgen hinzu. Auch Sibylle Keupen greift das Thema auf. Für ein kooperatives Konzipieren, ein Kennenlernen der jeweiligen Strukturen und Arbeitsweisen zwischen Künstler*innen und z. B. Schulen sei oft keine Zeit, genauso wenig wie für die Verwaltung der gemeinsamen Projekte: „Dass immer mehr Kontakte initiiert werden, bereichert, denn es können neue Kooperationen entstehen und Projekte partizipativ und multiprofessionell für noch mehr Kinder und Jugendliche konzipiert werden. Durch die zusätzlichen Mittel können wir diese Projekte auch umsetzen. Die Schattenseite ist, das mehr Vernetzung, mehr Projekte, mehr Geld und komplizierte Planungs-, Bewirtschaftungs- Abrechnungs-, und mitunter auch Absprachepraxen sehr viele Arbeitsstunden von Fachkräften kosten. Diese für den Erfolg gerade von Bildungskooperationen essenziellen Ressourcen sind in den Projekten häufig gar nicht oder nur unzureichend abgebildet. Eigentlich bräuchte es im Bildungsnetzwerk personelle Ressourcen, im Sinne einer Projektdienstleistungsagentur, die das Antrags-, Bewirtschaftungs- und Nachweismanagement übernimmt, dann können wir uns mehr auf die Inhalte konzentrieren.“

Beginn: 4. November 2016
Förderzeitraum: bis 10. August 2017
Fördersumme: 6.296,00 Euro

Bilder: Nicole Meyer; Sibylle Keupen; Bleiberger Fabrik