Angekommen? Aufgenommen! – Rückblick auf die BKJ-Fachtagung zur Kulturarbeit mit Geflüchteten

Am 11. und 12. November 2016 haben auf einer Fachtagung in Erfurt 60 Bündnisakteure aus dem Programm „Künste öffnen Welten“ verschiedene Fragestellungen rund um die Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen bzw. in inklusiven Settings in den Blick genommen. Kerstin Hübner und Friederike Zenk, Referentinnen des BKJ-Förderprogramms, fassen die Erkenntnisse zusammen.

von Kerstin Hübner und Friederike Zenk

„Die Künste allein sind nicht imstande, unsere Welt zu verändern oder gar zu verbessern, aber die Künste können helfen, die Menschen glücklicher und beherzter zu machen und vielleicht uns so zu befähigen, an der Humanisierung der Welt zu wirken.“ Hilmar Hoffmann

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„In den Blick nehmen“ hatte dabei unterschiedliche Dimensionen: Die aus dem Programm „Künste öffnen Welten“ im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ geförderten Akteure waren eingeladen Perspektiven zu wechseln, sich und ihre Arbeit anhand von Inputs, in Arbeitsphasen oder im Austausch zu spiegeln und zu reflektieren. Dabei betrachteten sie nicht nur Vergangenheit und Gegenwart, sondern blickten auch in die Zukunft.

Mit dem Thema griff die BKJ die Entwicklung und den Bedarf der Praxis auf und versuchte zugleich ihre Positionierung „Kulturelle Bildung in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft: Recht auf Bildung und kulturelle Teilhabe geflüchteter Kinder und Jugendlicher umsetzen!“ aus dem Jahr 2015 anhand konkreter Erfahrungen vor Ort auf den Prüfstand zu stellen.

Geflüchtete sind (k)eine Zielgruppe

Geflüchtete Kinder und Jugendlichen sind seit dem Programmstart 2012 in Projekten von „Künste öffnen Welten“ mit dabei. Denn in Projekten, die inklusive Konzepte verfolgen, steht die Berücksichtigung dieser „Zielgruppe“ außer Frage. Seit dem Sommer 2015 integrierten viele Bündnisse für Bildung verstärkt geflüchtete Kinder und Jugendliche in ihre Arbeit. Dies vollzog sich bei manchen als eher schleichender und organischer Prozess mit wenigen Auswirkungen auf die konzeptionelle Arbeit. Bei anderen erfolgte ein sehr bewusster Umstrukturierungsprozess, der mit der Erweiterung des Bündnisses um neue Partner, mit konzeptionellen Veränderungen und wachsenden Teilnehmenden-Zahlen einherging. Zugleich stiegen die Anfragen und Anträge in den letzten beiden Ausschreibungsrunden (Oktober 2015 und April 2016) enorm, bei denen geflüchtete Kinder und Jugendliche als eine oder sogar als die zentrale „Zielgruppe“ in den Fokus rückten. In ihrer Beratung und Auswahl ermutigte die BKJ die Bündnisse, Projekte zu konzipieren und umzusetzen, die sich nicht exklusiv an eine Gruppe richten, sondern die Begegnung der Kinder und Jugendlichen, die schon länger hier leben und der neu Zugezogenen ermöglichen.

Der Begriff „Zielgruppe“ steht hier deshalb in Anführungszeichen, weil damit – so die Diskussion auf der Tagung – bestimmte Kategorisierungen und Zuschreibungen verbunden sind, die Ausdruck eines defizitären Verständnisses und einer nicht-inklusiven Haltung sind.

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Träger Kultureller Bildung übernehmen gesellschaftspolitische Verantwortung

Aus zwei Impuls-Beiträgen ging deutlich hervor, dass in der Kulturellen Bildung bzw. in den Künsten besondere Potenziale liegen, um geflüchtete Kinder und Jugendliche nicht nur willkommen zu heißen, sondern ihnen mit ihren ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und Persönlichkeiten ein „Ankommen“ zu ermöglichen, das die Weiterentwicklung von persönlicher Identität ebenso unterstützt wie die soziale und kulturelle Teilhabe im Sinne von Inklusion.

Ibrahim Ismail von paidaia e. V. leitete dazu aus der Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zunächst her, dass in Deutschland seit dem ersten Anwerbeabkommen in den 1950er Jahren von Anbeginn versäumt wurde, eine Integrationsstrategie zu verfolgen. Vielmehr hätte die Idee eines zeitlich befristeten Gastarbeiter/innen-Status‘ und später auch die Idee von zeitlich befristetem Asyl zur Segregation und „Unterschichtung“ von Menschen mit Migrationshintergrund geführt – mit negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft insgesamt, aber besonders auf die Zugewanderten. Daraus leitet sich bis heute eine Gemengelage aus Vorbehalten und Vorurteilen, Diskriminierung und Defizitverständnis ihnen gegenüber ab, von denen auch Geflüchtete betroffen sind. Dieses negative Fremdbild haben Menschen mit Migrationshintergrund zudem oft als Selbstbild übernommen, was ihr Verhalten bestimmt und in vielen Fällen zu Ängsten und Depressionen führt.

Demgegenüber stehen das Plädoyer und die Notwendigkeit, sich auf die Menschenrechte als Grundlage gesellschaftlicher „Ordnung“ bzw. gesellschaftlichen Zusammenhalts zu besinnen und daraus Grundsätze für ein Miteinander, das für alle Schutz- und Entfaltungsräume schafft, abzuleiten. Hierauf müssen die Träger Kultureller Bildung ihre Haltung ausrichten. so Kirsten Witt, Grundsatzreferentin der BKJ, in ihrem Impuls. Sie umriss für diesen Zusammenhalt nicht nur die Idee von Dialog, sondern verwies auf das Konzept der Transkulturalität, das (kulturelle) Werte als etwas im Miteinander Veränderbares versteht.

Kulturelle Bildung hat Potenzial und benötigt einen potenzialorientierten Blick

Ibrahim Ismail und Kirsten Witt sprachen aber nicht nur über die gesamtgesellschaftliche Rahmung, sondern gingen konkret auf die Anforderungen der kulturpädagogischen Praxis und deren Möglichkeiten ein. So schafft Kulturelle Bildung in und mit ihren Angeboten Anerkennungsräume und macht Selbstwirksamkeit erfahrbar. Kulturelle Bildungsangebote sind „Labore mit Ernstfallcharakter“, welche die Persönlichkeitsentwicklung und den Blick auf die eigenen Stärken fördern. Wenn Bildung der Erkenntnis- und Entwicklungsprozess ist, der damit einhergeht, sich selbst ins Verhältnis zur Welt zu setzen, schaffen künstlerische Projekte, die auf Produktivität (nicht gleichzusetzen mit einem Produkt!) ausgerichtet sind, dafür besondere Anlässe der Auseinandersetzung.

Ibrahim Ismail zitierte Erich Fromm: „Der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Kunst des Seins umfasst alles, was die Fähigkeit, gewahr zu werden, stärkt und kritisches, fragendes Denken fördert. Dies ist nicht in erster Linie eine Frage der Intelligenz, der Erziehung oder des Alters, sondern eine Frage des Charakters.“ (Fromm 1989). In (kultur-)pädagogischen Settings heißt das auch, für diese Freiräume einerseits das Spielerische und Freie zu betonen und andererseits Kindern und Jugendlichen viel Vertrauen und Neugier entgegenzubringen. Auch Mariya Boyanova, Kunstpädagogin und
freischaffende Künstlerin, und Hanna Stinzendörfer, Kulturwissenschaftlerin, betonten in ihrer Praxispräsentation und ihrem Workshop „Möglichkeiten, Chancen und Grenzen der Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Projekten der Kulturellen Bildung“ dieses künstlerische und spielerische Freiraum-Potenzial für Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverwirklichung.

Ein stärken- und potenzialorientierter Blick ist eng verbunden mit diversitätssensiblen, antidiskrimierenden und „empowernden“ Konzepten für die kulturelle Bildungsarbeit. Hier schließt sich der Kreis zur gesellschaftspolitischen Verantwortung und Haltung, die im Rahmen inklusiver Arbeit unbedingt notwendig ist. Denn — wie Kirsten Witt ausführte — Inklusion setzt voraus, Verschiedenheit als Normalfall zu betrachten und damit Generalisierungen entgegenzuwirken. In zwei Workshops unter der Leitung von Elisangela Almeida Rist, Trainerin der Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen, und Sandra Karangwa, Trainerin für diversitätsbewusstes Arbeiten, wurde die Notwendigkeit der Selbstreflexion betont, die Bewusstmachung der eigenen Macht, der Privilegien und Haltung, der eigenen Vorurteile und Stereotype. Ebenso wie der Blick auf das Eigene grundlegend ist, bedarf es – der Migrationspädagogik folgend – des Kennenlernens der Anderen, um miteinander zu arbeiten. Das Wissen um die ganz individuellen Bedürfnis- und Lebenslagen sowie die Wünsche und Interessen der Einzelnen muss die Basis für jegliche Aktivität sein.

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Organisationen Kultureller Bildung benötigen Entwicklungsstrategien

Der zweite Tag der Fachtagung lenkte die Aufmerksamkeit von der praktischen Arbeit auf die Ebene der Trägerorganisationen Kultureller Bildungsangebote. Zwei sich letztlich ergänzende Perspektiven wurden dazu aufgemacht: die der diversitätssensiblen Öffnung von Einrichtungen und die der lokalen Vernetzung.

Unter dem Titel „Unterbrechung der Routinen“ verschob Lena Nising von „W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik Hamburg“ die Perspektive weg vom „Migrationsanderen“ auf Kultur, Bildung und die Institutionen selbst. Wenn es darum geht, das Motto „Wir sind ein ‚Haus‘ für alle“ nicht nur als eine (leere) Phrase zu verstehen, sondern konkret mit Inhalten zu füllen, berührt dies die Organisationen als Ganzes: Vielfältige Zielgruppen zu gewinnen und damit die Gesellschaft in ihrer Breite zu spiegeln, hängt davon ab, dass diese Vielfalt in Programm und Angebot auch repräsentiert wird (ohne Stereotype und Klischees – also diversitäts- und diskriminierungssensibel, siehe oben), was letztlich nur gelingt, wenn auch die Personen, die über die Inhalte entscheiden, vielfältig sind. Damit ist die Personalpolitik ebenso berührt wie die Programmgestaltung, die kulturpädagogische Praxis und die Kommunikationsabteilung. Somit ist das Thema eine Querschnittsaufgabe, das sich auf allen Ebenen widerspiegeln muss. Nising verknüpfte die damit verbundenen Handlungs(ziel)strategien mit den Forderungen, die Tania Canas für RISE unter „Wir sind nicht dein nächstes Kunstprojekt“ veröffentlicht hat.

Aber dies ist „nur“ ein Schritt von vielen, die zu gehen sind, um gesellschaftliche Veränderungsprozesse mitzugestalten. Ebenso braucht es die Vernetzung und Kooperation mit unterschiedlichen Akteuren, wie Dr. Susanne Stemmler, verantwortlich für das Programm „Willkommen bei Freunden“ bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, zum Abschluss verdeutlichte. Sie betonte mit den Worten des Migrationsforschers Klaus J. Bade die lokale Bedeutung: „Praktische Integration findet nicht auf Länder- oder Bundesebene statt, sondern nur in den Kommunen“. Daraus leitet sich eine kommunale Verantwortung ab, welche die Akteure der Kulturellen Bildung aus der Zivilgesellschaft und in kommunaler Trägerschaft einschließt. Dafür ist unerlässlich, die Argumente für Kulturelle Bildung, die sich aus ihrer Sicht wie folgt zusammenfassen lassen, proaktiv in die kommunalen Diskurse einzubringen.

Kulturelle Bildungspartner sind interessant, weil kulturelle Bildungsangebote …

  • Selbstwirksamkeit und eigene Potentiale stärken;
  • andere Rollen/Gruppenzugehörigkeiten erleben lassen;
  • nicht per se auf Sprache angewiesen sind;
  • andere Vorstellungsräume und Erzählungen eröffnen;
  • dem Opferdiskurs entgegenwirken und Individualität zeigen;
  • schnell und unbürokratisch Wartezeiten überbrücken können;
  • Partizipation zulassen können;
  • Vertrautheit mit dem neuen Umfeld fördern (Stadterkundung);
  • Interaktion mit peers ermöglichen;
  • Eltern einbeziehen können;
  • ausbildungs- bzw. berufsorientierend wirken können (Bundesfreiwilligendienst Kultur und Bildung).

Tags zuvor wurde durch die Teilnehmenden kritisch hervorgehoben, dass dergleichen Argumente immer die Gefahr fördern, Kunst und Kulturelle Bildung zu instrumentalisieren. Zugleich bewegt sich kulturelle Bildungspraxis mit ihren möglichen Wirkungen und förderlichen Potenziale genau in diesem Spannungsfeld.

Die Diskurse zeigen Leerstellen und Lücken, Kontroversen und Konflikte

Auf der Tagung kamen auch Themen zur Sprache, zu denen keine Einigkeit im Feld der Kulturellen Bildung bzw. unter den eingeladenen Expert/innen und Teilnehmenden herrschte.

Zu diesen Punkten gehört z. B. der Umgang mit Traumata. Einig waren sich die Teilnehmenden, dass hier zusätzliche psychologische Expertise notwendig ist, über die künstlerischen und kulturpädagogischen Fachkräfte meist nicht verfügen. Das Meinungsfeld reichte in Bezug auf die kulturelle Praxis dennoch von „gar nicht thematisieren“ bis hin zu „zum Thema der künstlerischen Arbeit machen“. Menschen sollten nicht auf ihre Fluchterfahrung reduziert bzw. durch diese kategorisiert werden. Aber: Wichtig erscheinen hier Sensibilisierungsprozesse sowie eine grundlegende Aufmerksamkeit und Kenntnis über die mit der Flucht oder auch mit dem zum Teil unsicheren Aufenthaltsstatus zusammenhängenden Auswirkungen.

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Offenheit der künstlerischen Praxis für das neu Entstehende und nicht Planbare, das oft in Widerspruch zu den Programmvorgaben bzw. zum eigenen Anspruch einer Produktorientierung steht. Daraus ergab sich der Wunsch, Kunst und Kultur als gemeinsamen Entwicklungsprozess zu betrachten, der Möglichkeiten des Scheiterns nicht nur beinhaltet, sondern auch Schutzräume eröffnet, um diese Erfahrungen einzuordnen und zu reflektieren.

Nur angerissen werden konnte die Frage nach dem Umgang mit Konflikten und Gewalt in den Teilnehmenden-Gruppen selbst, aber auch zwischen Teilnehmenden, Familien und/oder Fachkräften – innerhalb und außerhalb der konkreten Arbeit. Hier besteht ein Spannungsfeld: Auf der einen Seite folgt ein großer Teil der kulturpädagogischen Praxis dem Anspruch (oder der Hoffnung), dass es in der kulturellen Arbeit gemeinsame Wertegrundlagen und damit von Toleranz und Transkultur geprägte Räume gibt. Dieses Ziel (oder diese Utopie) wird im Umfeld und im Alltag eines solchen kulturellen Angebotes oft (noch) nicht erreicht – und häufig werden gesellschaftliche Spaltungs- und Spannungsverhältnisse durch die Teilnehmenden gespiegelt, sodass kulturelle Bildungsangebote sich mit diesen Konflikten auseinandersetzen müssen.

Ward Alhabash, ein aus Syrien geflohener junger Mann, der bereits Erfahrungen als Übersetzer und Teamer in der Kultur- und Jugendarbeit sammeln konnte, war als „kritischer Freund“ geladen, seine Perspektiven auf die Tagungsdiskurse einzubringen: Er machte Mut! Als wirklich wichtigen und unterbelichteten Aspekt nannte er die Bedeutung der Familien und Familienarbeit. Dies hat unterschiedliche Hintergründe: Familien müssen der Arbeit und den Fachkräften Vertrauen entgegen bringen können, Eltern, die ihre Schutzrollen gegenüber ihren Kindern im Rahmen von Flucht oft nicht wahrnehmen konnten, brauchen selbst wieder positive Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, Familien unterstützen den generations- und kulturübergreifenden Dialog, Inklusion betrifft alle – nicht nur Kinder und Jugendliche.

Kerstin Hübner leitet das Programm „Künste öffnen Welten“ der BKJ und ist Referentin im Bereich Kooperationen und Bildungslandschaften.

Friederike Zenk ist Referentin im Programm „Künste öffnen Welten“ der BKJ.

Literatur

Erich Fromm (1989): Vom Haben zum Sein. Wege und Irrwege der Selbsterfahrung. Weinheim/Basel.

Weitere Informationen

BKJ-Position „Kulturelle Bildung in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft: Recht auf Bildung und kulturelle Teilhabe geflüchteter Kinder und Jugendlicher umsetzen!“ (10/2015)

Kirsten Witt: „Vielfalt als Auftrag“ (Vortragsskript vom 11.11.2016): [ PDF-Dokument | 4 Seiten | 99 KB ]

Tania Canas „Wir sind nicht dein nächstes Kunstprojekt“  (01.04.2016)